Nach drei Siegen und drei Polepositions in Folge warnt Juan Pablo Montoya, dass für WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli nun vor allem der steigende Druck zur größten Herausforderung wird, und dass der Kanada-GP zum entscheidenden Gradmesser gegen George Russell werden könnte.
Der ehemalige Formel-1-Fahrer sagte im Exklusivinterview mit RacingNews365, Antonelli sei zwar in Topform, doch die eigentliche Schwierigkeit komme erst noch. „Im Moment läuft es gut, aber das Schwierige ist, dass der Druck im Laufe des Jahres nur noch zunehmen wird und es immer härter wird. Aber hoffentlich hat er bis dahin einen Vorsprung aufgebaut“, sagte Montoya. Antonelli führt nach vier Grand-Prix-Wochenenden mit 100 Punkten und damit 20 Zählern vor seinem Mercedes-Teamkollegen.
Für Montoya ist Montreal deshalb mehr als nur das nächste Rennen. Er bezeichnete Kanada als wichtiges „Messmoment“, weil sich dort zeigen könnte, wie belastbar Antonellis Titelkurs wirklich ist und wie Russell auf den internen Rückstand reagiert. Montoya verwies darauf, dass Russell in China aus seiner Sicht eigentlich hätte gewinnen müssen. In Japan sei Antonelli zwar etwas schneller gewesen, habe aber auch vom Safety-Car profitiert. In Miami dagegen habe der Italiener „wirklich dominiert“.
Gerade deshalb sieht Montoya im Kanada-Wochenende auch eine psychologische Chance für Antonelli. Im Chequered Flag Podcast mit Damon Hill sagte er, Russell wisse selbst, dass Miami ihm nicht liege, während Kanada zu seinen stärkeren Strecken zähle. „Wenn ich Kimi wäre, würde ich jetzt voll angreifen. Ernsthaft, voll auf Attacke“, sagte Montoya. Aus seiner Sicht hätte ein Sieg Antonellis ausgerechnet dort eine besondere Wirkung auf Russell.
Montoya formulierte das ungewöhnlich scharf. Einen Erfolg gegen den Teamkollegen auf dessen starker Strecke verglich er damit, „als würde man ein Messer nehmen, es hineinstecken und dann noch ein Stück tiefer drehen“. Antonelli müsse dafür „eiskalt und knallhart“ sein. Sein Rat fiel entsprechend kompromisslos aus: „Ich würde aufwachen und mich fragen: Wie kann ich alle schlagen? Denn du musst egoistisch sein.“
Russell selbst gibt sich trotz des Rückschlags in Miami betont gelassen. Gegenüber Sky Sports F1 lobte er Antonelli als „fantastischen Fahrer“, der seit dem ersten Tag extrem schnell gewesen sei. Zugleich stellte er klar, dass er sein eigenes Niveau nicht infrage stellt. Er habe nicht vergessen, wie man fährt, sagte Russell, und sprach von einer nur etwas schwierigeren Phase zu einem frühen Zeitpunkt der Saison. Für Kanada ist der Kontext klar: Dort will er die teaminterne Dynamik stoppen.
Dass Mercedes die Lage nicht nur sportlich bewertet, zeigt der Umgang des Teams mit Antonellis Aufstieg. Teamchef Toto Wolff sagte nach dem Miami-Rennen im Gespräch mit Autosport, das sei für ihn Antonellis bislang bestes Rennen gewesen. „Heute gab es keine Fehler“, sagte Wolff. Gleichzeitig mahnte er zur Vorsicht. Die größere Herausforderung sei inzwischen nicht mehr nur die Leistung auf der Strecke, sondern die Erwartungshaltung außerhalb des Teams.
Wolff betonte, Mercedes müsse dafür sorgen, dass Antonelli „beide Füße auf dem Boden“ behalte. Es gebe viele Anfragen von Medien und Sponsoren, und der gemeinsame Auftrag sei, die Euphorie zu bremsen. „Das ist ein langfristiges Spiel“, sagte Wolff. Gerade weil Antonelli erst 19 Jahre alt ist und nach seinem starken Lauf immer stärker ins Rampenlicht gerät, will Mercedes verhindern, dass aus dem Höhenflug zusätzlicher Druck wird.
Montoya sieht Antonelli dafür zumindest intern gut abgesichert. Er verwies auf die Erfahrung der Ingenieursgruppe um Peter Bonnington. „Ich denke, seine Ingenieursgruppe, Peter Bonnington und der Rest, haben das alles schon oft erlebt. Sie wissen, was es braucht, und ich glaube, das macht alles deutlich einfacher“, sagte Montoya. Genau diese Routine könnte in Kanada entscheidend werden, wenn aus Antonellis Formkurve ein echter Titeltest gegen Russell wird.
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