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Miami-GP: Regen macht 2026-Autos zum Risiko

Vor dem Miami Grand Prix richtet sich der Fokus auf Sonntag, weil drohende Gewitter den Ablauf zwar jederzeit stoppen könnten, die größere Unbekannte für die Formel 1 aber das erste echte Rennen der 2026-Autos im Nassen wäre.

Die FIA rechnet nach eigenen Angaben derzeit nicht mit einer Absage. Ein FIA-Sprecher erklärte, man beobachte die Wetterprognose für das Wochenende genau und habe nach den Gewitterdrohungen im Vorjahr in Miami einen Notfallplan, der bei Bedarf aktiviert werde, um Störungen des Streckenprogramms so klein wie möglich zu halten. Nach den in den USA geltenden Sicherheitsvorgaben wäre bei Blitzgefahr eher mit einer Unterbrechung oder Verzögerung als mit einer sofortigen Absage zu rechnen, zumal Schutz in den Garagen und im Hard Rock Stadium möglich ist.

Sportlich ist das Problem komplizierter. Wenn es am Sonntag regnet, trifft das Feld auf ein Szenario, das praktisch niemand unter Rennbedingungen erlebt hat. Oscar Piastri sagte in der FIA-Pressekonferenz am Donnerstag: „Wenn es in Miami regnet, dann richtig.“ Gerade das macht die Lage brisant, weil die 2026er-Autos bisher kaum im Regen bewegt wurden und mehrere Fahrer sie schon in kurzen Testeinsätzen als heikel beschrieben.

WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli berichtete von seinem nassen Shakedown in Silverstone, das Auto sei „definitiv sehr schwierig“ gewesen. Pierre Gasly zeichnete ein noch drastischeres Bild von seinem Silverstone-Einsatz im Januar: Bei „30 Grad Reifentemperatur“ habe das Auto noch im sechsten Gang durchgedreht, nach Maggots und Becketts habe er „jede Runde die Unterwäsche wechseln“ müssen. Die Aussagen zeigen, wie wenig Reserve die neue Fahrzeuggeneration auf rutschigem Asphalt bislang erkennen lässt.

Die FIA hat in der Aprilpause noch einmal eingegriffen, um genau dieses Risiko zu entschärfen. Für Low-Grip-Bedingungen wurde der Boost-Modus gestrichen, die Leistung auf 250 Kilowatt begrenzt, der Straightline Mode angepasst und die zulässige Vorwärmtemperatur der Intermediates erhöht. Antonelli nannte die Begrenzung auf 250 Kilowatt und „kein Boost“ zwar „bereits einen Schritt nach vorn“, sah damit die offenen Fragen aber nicht gelöst. Vor allem bei den Reifen gebe es weiter große Unsicherheit, weil „niemand die Inter-Reifen wirklich benutzt“ habe und es mit den diesjährigen Autos ohnehin schwerer sei, Temperatur in die Reifen zu bekommen. Deshalb, so Antonelli, müsse man die Temperaturen der Reifenheizdecken für Regen wahrscheinlich weiter anheben.

Auch Carlos Sainz zweifelt daran, dass das Paket schon schlüssig ist. Der Williams-Pilot forderte seit längerem eine Reduzierung der elektrischen Leistung im Regen und sagte nun, er hoffe auf 250 oder 300 Kilowatt für das Rennen. Vor allem die neue Auslegung des Straightline Mode überzeugt ihn nicht. „Es gibt einige Dinge, wie den SLM bei Nässe nur an der Vorderachse, bei denen ich wirklich nicht verstehe, warum wir das haben, wenn es den Luftwiderstand nicht wesentlich verringert“, sagte Sainz. Er erwartet, dass das Thema bei nassen Bedingungen in der Fahrerbesprechung noch einmal auf den Tisch kommt.

Am deutlichsten benannte Charles Leclerc, was die 2026-Regeln im Regen so heikel machen. Der Ferrari-Fahrer sagte, das Merkwürdige an diesen Autos sei, dass man „am Ende der Geraden bei nassen Bedingungen viel schneller sein könnte als im Trockenen“. Der Grund sei, dass wegen des geringeren Energieverbrauchs weniger Leistungsabfall auftrete und die Autos deshalb auf den Geraden länger Zug behielten. Genau daraus könnten gefährliche Geschwindigkeitsunterschiede entstehen, wenn Fahrer mit unterschiedlichen Strategien für die Power-Unit unterwegs sind.

Leclerc warnte, man könne so „in schwierige Situationen geraten“, weil die Sicht im Regen ohnehin minimal sei. „Denn im Nassen sind wir wirklich nur Passagiere“, sagte er. Früher habe man eher annehmen können, dass die Autos vor einem auf der Geraden ungefähr gleich schnell seien. Unter dem neuen Reglement gelte das nicht mehr zwingend.

Miami verschärft diese Bedenken zusätzlich. Max Verstappen verwies darauf, dass die Entwässerung auf dem Kursgelände „wahrscheinlich etwas schwieriger“ sei und es schon im vergangenen Jahr auf den Runden zur Sprint-Startaufstellung viel stehendes Wasser gegeben habe. Sainz beschrieb den Stadtkurs als „super-flach“, auf dem das Wasser auf der Oberfläche stehen bleibe. Mit nahen Mauern und der ohnehin schlechten Sicht sei das „sicherlich eine Sorge“.

Damit wird der Sonntag in Miami nicht nur zum Wettertest für den Veranstalter, sondern vor allem zu einem Belastungstest für ein Reglement, das im Regen noch kaum jemand wirklich versteht.