Die Formel 1 steuert für 2027 auf einen gezielten Abbau des Abtriebs zu, nachdem die FIA festgestellt hat, dass die 2026er Autos mehr Aero-Performance als erwartet entwickelt haben, dadurch in Kurven zu schnell sind und beim Bremsen zu wenig Energie zurückgewinnen.
Nach Angaben von The Race soll im Technischen Beratungsausschuss ein „definitiver“ Plan diskutiert werden. Im Kern geht es darum, die absolute Downforce der Autos zu senken, nicht das Aerodynamik-Reglement grundsätzlich umzubauen. Die FIA sieht darin den naheliegendsten Hebel, weil größere Eingriffe an der Power Unit kurzfristig nicht als realistische Lösung für 2027 gelten.
Nikolas Tombazis, FIA-Direktor für Einsitzer, erklärte gegenüber The Race, eines der Hauptprobleme seit Einführung der 2026er Regeln sei, dass „die Autos ein bisschen schneller sind, als wir erwartet haben“. Die Teams hätten „etwas mehr Downforce gefunden, als wir erwartet haben“, weshalb „die während des Bremsens zurückgewonnene Energie etwas geringer ist als normal“. Dadurch habe die Serie „eine etwas größere Herausforderung, als uns lieb wäre“.
Der Zusammenhang ist aus Sicht der FIA klar: Je schneller die Autos durch langsame und mittlere Kurven fahren, desto weniger Bremsenergie können sie rekuperieren. Weniger Abtrieb würde die Kurvengeschwindigkeiten senken und damit das Energiemanagement entspannen, damit Fahrer wieder natürlicher ans Limit gehen können, ohne so stark von Lift-and-Coast oder anderen unnatürlichen Fahrzuständen abhängig zu sein.
The Race berichtet von drei Varianten, die derzeit untersucht werden. Sie betreffen den Frontflügel, den Unterboden und die Strukturen vor den Seitenkästen. Je nach Eingriffstiefe sollen diese Maßnahmen das Abtriebsniveau um 20, 30 oder 50 Punkte reduzieren.
Für die FIA geht es dabei nicht nur um Energie. Die zweite Triebfeder ist die Reifensicherheit. Weil die Autos schon jetzt höhere aerodynamische Lasten erzeugen als ursprünglich erwartet, wächst die Sorge, dass die Entwicklung im Verlauf des Regelzyklus die Kräfte auf die Reifen in einen kritischen Bereich treiben könnte. Genau dieses Sicherheitsargument verschafft der FIA im Zweifel auch mehr Handlungsspielraum. In den Technischen Regeln steht, dass Änderungen der FIA aus Sicherheitsgründen „ohne Vorankündigung oder Verzögerung in Kraft treten können“.
Tombazis machte zugleich klar, dass die Behörde das 2026 eingeführte Aero-Konzept nicht als Fehlschlag betrachtet. „Wir haben die Möglichkeit, den Downforce ein wenig zu reduzieren, um sicherzustellen, dass er sich über den Zyklus nicht einfach immer weiter erhöht“, sagte er. Grundsätzlich funktionierten die Regeln „aus aerodynamischer Sicht ziemlich gut“, vor allem beim Folgen anderer Autos. Man sehe, dass Fahrzeuge selbst bei wenig Grip nah beieinander bleiben könnten.
Die geplante Korrektur für 2027 passt zu dieser Einschätzung: Die FIA will nicht die Grundidee der Regeln zurückdrehen, sondern das Leistungsfenster wieder dorthin verschieben, wo es ursprünglich liegen sollte. Tombazis sagte, die FIA werde die Performance der Autos weiter beobachten und über den Governance-Prozess sicherstellen, dass sie „ungefähr im richtigen Leistungsfenster“ bleiben.
Parallel steht noch ein separates Sicherheitsthema für 2027 auf der Agenda. Dabei geht es um den vorderen Unterbodenbereich, den sogenannten Bib. Nach ersten FIA-Analysen ragt dieses Bauteil bei den aktuellen Autos sehr weit nach vorn. Die Sorge ist, dass bei einem Unfall ein Auto über ein anderes gehoben werden könnte und ein langer Bib in den Bereich der Halo-Öffnung eindringt und den Fahrer trifft. Auch deshalb soll mit den Teams über eine Verkleinerung dieses Elements gesprochen werden.
Dass die Diskussion nun so stark auf die Aerodynamik zielt, liegt auch daran, dass Motorenseitig kaum schnelle Hilfe zu erwarten ist. Laut FIA wären Hardware-Eingriffe wie höherer Kraftstoffdurchfluss, größere Tanks und mögliche Chassis-Anpassungen für 2027 zeitlich kaum noch umsetzbar und eher erst ab 2028 realistisch. Damit wird der Abtriebsabbau zum wahrscheinlich wichtigsten Instrument, um die 2026er Regeln schon im zweiten Jahr nachzuschärfen.
© Jonathan Borba