Daniel Juncadella hat der FIA nach Lewis Hamiltons obszöner Geste gegen Franco Colapinto beim Grand Prix von Miami Doppelmoral vorgeworfen, weil der Ferrari-Pilot offenbar ohne Strafe blieb, während Juncadella selbst für einen ähnlichen Vorfall in der WEC 2025 in Bahrain 5.000 Euro zahlen musste.
Auslöser sind nicht im TV gezeigte Onboard-Bilder aus Miami. Sie zeigen, wie Hamilton nach einer Berührung mit Alpine-Fahrer Colapinto in der ersten Runde auf der langen Geraden beim Vorbeifahren den Mittelfinger zeigt. Zuvor hatte Colapinto nach einem starken Start hart verteidigt, spät gebremst und Hamiltons Ferrari mit dem Vorderrad seitlich berührt. Hamilton kam am Ende als Sechster direkt vor Colapinto ins Ziel und sagte nach dem Rennen, der Schaden an seinem Auto habe ihn etwa eine halbe Sekunde pro Runde gekostet.
Juncadella reagierte nach Veröffentlichung der Aufnahmen in den sozialen Medien scharf. Der spanische GT- und WEC-Pilot schrieb: „Also gehe ich davon aus, dass es keine Strafe gab, oder?“ Kurz darauf legte er nach: „Die doppelten Standards der FIA … sie enttäuschen nie.“ Sein Ärger speist sich aus dem eigenen Fall beim WEC-Saisonfinale 2025 in Bahrain, als er Augusto Farfus ebenfalls den Mittelfinger gezeigt hatte.
Damals belegten ihn die Stewards mit einer Geldstrafe von 5.000 Euro, davon waren 4.000 Euro zur Bewährung ausgesetzt. In ihrer Begründung bezeichneten sie die Geste als „grob, respektlos und im Motorsport völlig unangebracht“. Genau dieser Vergleich macht den Fall in Miami heikel, weil zwei nahezu identische Situationen offenbar unterschiedlich bewertet wurden.
Auch als Hamiltons Aktion als eher belanglos eingeordnet wurde, rückte Juncadella nicht von seinem Punkt ab. Er sagte, er halte es nicht für richtig, so etwas zu tun, forderte für Hamilton aber eine vergleichbare Geldstrafe wie in seinem eigenen Fall. In den vorliegenden Berichten wird diese Forderung teils mit 5.000 Euro, teils mit 2.000 Euro wiedergegeben. Klar ist vor allem der Grundsatz, auf den Juncadella hinauswill: gleiche Sanktion für gleiches Verhalten.
Der Streit berührt damit eine größere Debatte über die Linie der FIA bei Beleidigungen und obszönem Verhalten. Nach Max Verstappens Sprach-Eklat in einer offiziellen FIA-Pressekonferenz in Singapur 2024 hatte der Weltverband seinen Kurs vor der Saison 2025 verschärft. Nach Widerstand aus der Formel 1 und der Rallye-WM führte die FIA dann aber eine Unterscheidung zwischen „kontrollierten“ und „nicht kontrollierten“ Situationen ein. In formellen Umfeldern wie Pressekonferenzen bleibt grobe Sprache verboten, in spontanen emotionalen Momenten wird mehr Spielraum gewährt.
Genau dort dürfte Hamiltons Fall in Miami eingeordnet worden sein. Das würde erklären, warum die Geste folgenlos blieb. Es beantwortet aber nicht Juncadellas zentralen Vorwurf, dass die FIA bei nahezu gleichen Vergehen nicht sichtbar nach einem einheitlichen Maßstab urteilt.
© Jonathan Borba