Mercedes-Teamchef Toto Wolff warnt vor einem entscheidenden Streitpunkt der neuen FIA-Regel ADUO für 2026: Das System soll zurückliegende Motorenhersteller aufholen lassen, könnte durch seine reine Bewertung des Verbrennungsmotors aber auch die bestehende Kräfteverteilung an der Spitze verschieben. Dazu kommt, dass der erste Abgleich nach den Rennabsagen in Bahrain und Saudi-Arabien wohl nicht wie ursprünglich geplant nach Miami, sondern erst rund um Monaco stattfinden wird.
Die FIA hat ADUO als Sicherheitsnetz in die neuen Motorenregeln eingebaut, um eine Wiederholung von 2014 zu verhindern. Bewertet wird in drei Phasen nach den Rennen 6, 12 und 18 die reine Leistung des Internal Combustion Engine. Liegt ein Hersteller zwischen 2 und 4 Prozent hinter dem besten ICE, erhält er eine zusätzliche Upgrade-Möglichkeit. Bei mehr als 4 Prozent Rückstand sind es zwei Updates, dazu mehr Prüfstandszeit und größere Flexibilität innerhalb des Budgetrahmens.
Genau an diesem Punkt setzt Wolffs Kritik an. In Aussagen gegenüber Medien einschließlich Motorsport.com sagte der Mercedes-Teamchef: „Das Prinzip von ADUO war, Teams, die bei der Power Unit im Hintertreffen sind, das Aufholen zu ermöglichen, aber nicht, andere zu überspringen.“ Er warnte zugleich: „Jede Entscheidung kann großen Einfluss auf das Leistungsbild und auf die Meisterschaft haben“, wenn sie nicht mit „absoluter Präzision, Klarheit und Transparenz“ getroffen werde. Für ihn darf es dabei auch keinen Raum für taktische Spielchen geben: „Es muss klar sein, dass hier kein Gamesmanship Platz hat.“
Wolffs Position ist auch deshalb brisant, weil sich der FIA-Abgleich ausdrücklich nicht auf die komplette Power Unit stützt. Batterie, Energierückgewinnung, Deployment und MGU-K-Steuerung bleiben außen vor. Maßstab ist allein der Verbrennungsmotor. Damit kann der Benchmark im ICE von dem Hersteller abweichen, der insgesamt das stärkste Paket hat.
Genau daraus entsteht das zentrale Spannungsfeld der Debatte. Mehrere Berichte sehen Mercedes zwar insgesamt weiter vorn, zugleich gibt es aber wachsende Spekulationen, dass ausgerechnet Red Bull im Bereich des reinen ICE die Referenz sein könnte. Das würde das Bild deutlich verkomplizieren, weil die tatsächliche Gesamtperformance eines Autos eben auch von Chassis und elektrischer Seite der Power Unit abhängt. Wenn der beste Verbrennungsmotor nicht automatisch im besten Gesamtpaket steckt, kann ADUO plötzlich andere Hersteller förderfähig machen, als es die nackte Wettbewerbsordnung vermuten lässt.
Wolff selbst versucht die Anwendung deshalb eng zu halten. Er sagte, aus seiner Sicht gebe es „einen Motorenhersteller, der ein Problem hat und dem wir helfen müssen“, während „alle anderen ziemlich im selben Bereich“ lägen. Gemeint ist nach den vorliegenden Berichten vor allem Honda. Entsprechend deutlich formulierte er auch seine Erwartung an die FIA: Er wäre „sehr überrascht und enttäuscht“, wenn ADUO-Entscheidungen in die bestehende sportliche Reihenfolge eingreifen würden.
Ferrari sieht die Lage naturgemäß anders. Frederic Vasseur, Ferrari-Teamchef, sagte in Shanghai: „Die Einführung von ADUO wird für uns eine Möglichkeit sein, die Lücke zu schließen.“ Nach einem Bericht beziffert Ferrari den Rückstand auf Mercedes in leistungsabhängigen Streckenabschnitten auf bis zu 0,8 Sekunden. Genau hier entzündet sich aber der nächste Streit, weil Rivalen darauf verweisen, dass Teile dieses Defizits nicht zwingend auf einen grundsätzlich schwächeren Motor zurückgehen müssen, sondern auch auf bewusste Konzeptentscheidungen wie einen kleineren Turbo.
Damit wird die Grundsatzfrage von ADUO schärfer. Soll die FIA echte technische Unterlegenheit ausgleichen oder auch Nachteile, die aus selbst gewählten Kompromissen im Gesamtkonzept entstehen? Diese Trennlinie ist besonders heikel, weil ein ICE-only-Vergleich nicht automatisch abbildet, warum ein Hersteller auf der Strecke zurückliegt.
Die Terminverschiebung erhöht den Druck zusätzlich. Weil Bahrain und Saudi-Arabien aus dem Kalender gefallen sind, wurde Miami vom ursprünglich sechsten auf den vierten Lauf zurückgestuft. Der erste offizielle ADUO-Check dürfte damit erst Anfang Juni rund um Monaco stattfinden. Gerade dieser erste Beschluss könnte jedoch mehr festlegen als nur eine Zwischenwertung: Er bestimmt, welcher Motor als Referenz gilt, wer zusätzliche Entwicklung bekommt und ob ADUO 2026 als reiner Aufholmechanismus wirkt oder zum Eingriff in die Titelhierarchie und die Entwicklungsrichtung für 2027 wird.
© Spencer