Die von der FIA verkündete „grundsätzliche Einigung“ zu den Formel-1-Motorregeln für 2027 ist nach den vorliegenden Berichten deutlich weniger belastbar, als es zunächst klang. Tatsächlich herrscht unter den Herstellern nur Einigkeit darüber, dass das Energie-Management-Problem entschärft werden muss und dafür ein höherer Fuel Flow nötig wäre. Wie groß dieser Eingriff ausfallen kann und was bis 2027 überhaupt noch umsetzbar ist, bleibt dagegen offen.
Genau dort beginnt der eigentliche Konflikt. Eine größere Anhebung des Fuel Flow würde nicht nur ein Detail der Regeln ändern, sondern die technische Grundlage der neuen Power Units verschieben. Laut Bericht wären bei rund 50 kW zusätzlicher Leistung des Verbrenners 12 bis 15 Prozent mehr Kraftstoff nötig. Die bisher homologierten Aggregate könnten dann nicht einfach weiterverwendet werden, Mercedes und Red Bull Powertrains müssten ihre Motoren vielmehr grundlegend überarbeiten. Ein nicht namentlich genannter Insider fasste die Tragweite so zusammen: „Der daraus resultierende Motor ist eine ganz andere Liga.“
Damit verknüpft sich die Debatte direkt mit dem ADUO-System, dessen erste Einstufung die FIA in den kommenden Tagen bekanntgeben will. Die Bewertung basiert auf den ersten fünf Rennen der Saison 2026, die offizielle Mitteilung muss laut FIA innerhalb von 15 Tagen nach dem Kanada-Grand-Prix erfolgen. Für die betroffenen Hersteller geht es dabei nicht nur um zusätzliche Entwicklungsfreiheiten, sondern auch um mehr Budgetspielraum und eine oder zwei zusätzliche Homologationen zwischen 2026 und 2027.
Gerade deshalb ist die politische Lage so heikel. Nach den Berichten rechnen Ferrari, Audi und Honda in unterschiedlicher Form damit, von ADUO zu profitieren. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass eine weitreichende 2027-Regeländerung dieses System praktisch aushebeln würde. Denn wenn der Fuel Flow so stark angehoben wird, dass ein neuer Motortyp entsteht, verlören ADUO-Ausnahmen ihren eigentlichen Wert, weil auch Hersteller ohne diesen Status ihre Power Units fundamental neu auslegen müssten.
Hinzu kommt der Zeitdruck. Zwar entwickeln die Hersteller unter den bestehenden Regeln weiter, und auch ADUO-Begünstigte könnten schon in diesem Jahr mindestens ein Update bringen. Doch eine große Richtungsänderung für 2027 hätte laut Bericht zur Folge, dass die Entwicklung des 2026er Motors sofort gestoppt und direkt auf die neue Spezifikation umgestellt werden müsste. Wegen langer Vorlaufzeiten bei Validierung und Produktion gilt die Lage intern bereits als „fünf Minuten nach zwölf“, während noch immer kein tragfähiger Lösungsvorschlag auf dem Tisch liegen soll.
Im Zentrum steht deshalb weniger die Technik als die Mehrheitsfrage. Für eine Regeländerung ab der nächsten Saison braucht es laut Bericht eine Supermehrheit: FIA und Formula 1 plus vier der sechs registrierten Motorenhersteller müssen zustimmen. General Motors ist trotz noch fehlendem eigenem Motor als Hersteller registriert und damit stimmberechtigt. Sollte GM im Sinne von Ferrari und dem künftigen Cadillac-Projekt votieren, würde alles an den Italienern hängen. Verweigert Ferrari die Zustimmung, kämen Mercedes, Red Bull und Honda nur auf drei Stimmen und die 2027er Regeländerung wäre gescheitert.
So wird aus der angeblichen Einigung vor allem ein Machtkampf über Einfluss, Timing und Entwicklungsvorteile. Die anstehende ADUO-Entscheidung bestimmt nicht nur, wer 2026 zusätzliche Hilfe erhält, sondern könnte auch festlegen, ob die Formel 1 ihre Motorformel für 2027 überhaupt noch kurzfristig umbauen kann.
© Jonathan Borba