Ferrari ist beim Belgien-Grand-Prix zu den Sportkommissaren zitiert worden, nachdem die FIA der Scuderia einen Verstoß gegen Artikel B6.4.2 vorgeworfen hat: Beide Autos sollen nach dem ersten Training elektronisch als mit zwei zurückgegebenen Reifensätzen erfasst worden sein, ohne dass diese Reifen vor dem Beginn des zweiten Trainings physisch an Pirelli übergeben wurden.
In seinem Bericht erklärte FIA-Technikdelegierter Jo Bauer, Ferrari habe für Charles Leclerc und Lewis Hamilton jeweils zwei Slick-Sätze nach FP1 elektronisch korrekt als zurückgegeben registriert und damit die Artikel B6.4.1 sowie B6.3.8 a) iii) erfüllt. Die betreffenden Reifen seien jedoch nicht vor FP2 physisch an den offiziellen Lieferanten zurückgegeben worden. Genau das verlangt das Reglement zusätzlich.
Der Hintergrund ist mehr als reine Bürokratie. Teams müssen die Reifen nicht nur im System abmelden, sondern sie auch tatsächlich an Pirelli zurückgeben, damit der Hersteller die verbleibende Zuteilung jedes Fahrers aktualisieren und die Reifen auf Verschleiß, Beschädigungen und sicherheitsrelevante Auffälligkeiten prüfen kann.
Ferrari-Teamchef Fred Vasseur rechnet selbst eher mit einer Geldstrafe als mit einer sportlichen Sanktion. "Wir waren zu spät", sagte Vasseur nach der Session. Auf die mögliche Folge angesprochen, ergänzte er: "Es wird eine Geldstrafe."
Ganz so eindeutig ist die Lage aber nicht. Bernie Collins, Sky-F1-Expertin und frühere Force-India-Ingenieurin, verwies darauf, dass eine fehlende physische Rückgabe ernster gewertet werden könnte als ein bloßer Fehler in der elektronischen Erfassung. Wenn die Reifen nicht bei Pirelli sind, fehlt dem Hersteller nicht nur die vorgeschriebene Kontrolle, theoretisch könnten die Sätze in der Zwischenzeit auch für andere Abläufe wie Boxenstopp-Übungen genutzt worden sein. "Meiner Meinung nach verdient das mehr als nur eine Verwarnung: Es muss eine Strafe geben", sagte Collins.
Die Sportkommissare müssen nun einordnen, wo Ferraris Fall innerhalb einer seltenen, aber nicht beispiellosen Regelverletzung liegt. 2016 bekam Force India auf dem Nürburgring in einem anders gelagerten Reifen-Rückgabefall eine Startplatzstrafe von einem Platz für Nico Hülkenberg. Jüngere Fälle endeten dagegen mit Geldstrafen: Williams wurde in Ungarn 2022 mit 1.000 Euro belegt, Haas ein Jahr später in Ungarn zunächst mit 5.000 Euro, bei einem doppelten Verstoß insgesamt mit 10.000 Euro. Damit ist in Spa offen, ob Ferrari nur finanziell belangt wird oder ob die Kommissare weitergehen.
© Jonathan Borba