Nach Lewis Hamiltons erstem Grand-Prix-Sieg für Ferrari in Barcelona und seinem Sprung auf Platz zwei der WM drängt Jacques Villeneuve auf eine klare Priorisierung des Briten, doch Teamchef Frédéric Vasseur weist genau diese Nummer-eins-Debatte zurück.
Hamiltons Formkurve hat die Lage bei Ferrari in nur drei Rennwochenenden stark verändert. Nach zweiten Plätzen in Monaco und Kanada gewann er in Barcelona aus eigener Kraft, stieg damit vom fünften auf den zweiten Rang der Fahrerwertung und zog an Lando Norris, Charles Leclerc und George Russell vorbei. Sein Rückstand auf Spitzenreiter Kimi Antonelli schrumpfte dabei laut den vorliegenden Angaben von 49 auf 41 Punkte.
Gerade dieser Aufschwung ist für Villeneuve der Punkt, an dem Ferrari nicht mehr beide Fahrer gleich behandeln sollte. Jacques Villeneuve, Formel-1-Weltmeister von 1997, sagte im Sky-Sports-Podcast The F1 Show: „Ferrari muss sich auf Lewis konzentrieren, wenn sie eine kleine Chance auf den Titel haben wollen.“ Die Ausgangslage sei aus seiner Sicht eindeutig, weil Leclerc bereits deutlich zurückliege. „Die Entscheidung ist einfach, weil Leclerc ziemlich weit zurückliegt“, sagte Villeneuve.
Vasseur wollte sich nach dem Sieg in Barcelona jedoch nicht auf dieses Szenario festlegen lassen. Frédéric Vasseur, Ferrari-Teamchef, antwortete auf die Frage nach einer möglichen Fokussierung auf Hamilton: „Ich bin nicht sicher, ob ich auf diese Art von Frage antworten möchte.“ Er verwies auf die schnellen Stimmungswechsel rund um Ferrari und sagte: „Vor zwei Wochen hieß es noch, alles sei eine Katastrophe. Und jetzt sprechen wir über die Weltmeisterschaft.“ Für ihn wäre es falsch, die Linie des Teams nun öffentlich zu ändern: „Das wäre der schlechteste Ansatz, den ich verfolgen könnte.“
Der Kontrast zwischen beiden Positionen wird durch die interne Entwicklung zusätzlich verschärft. Während Hamilton zuletzt konstant punktete, verlor Leclerc entscheidend an Boden. In Monaco fiel er nach einem Problem aus, das er auf die Bremsen zurückführte. In Barcelona kam dann ein Qualifying-Unfall hinzu, ehe ihn im Rennen mutmaßliche Hydraulikprobleme einbremsten. Im teaminternen Vergleich liegt Hamilton nach den vorliegenden Angaben inzwischen rund 40 Punkte vor seinem Teamkollegen.
Leclerc selbst vermied nach Hamiltons Sieg jede öffentliche Reibung und stellte stattdessen den Aufschwung des Teams in den Vordergrund. Charles Leclerc sagte nach dem Rennen: „Es ist großartig für das Team und großartig für Lewis.“ Auch die jüngsten Fortschritte am Auto hob er hervor: „Das Team hat enorm gepusht, um die Upgrades zu bringen, und es scheint zu funktionieren.“ Gleichzeitig machte er klar, dass er den Anschluss schnell wieder herstellen muss. „Jetzt muss ich dort oben mit ihm kämpfen. Das war seit Kanada nicht mehr der Fall.“
Damit steht Ferrari nach Barcelona an einem heiklen Punkt: Hamiltons Ergebnisse nähren die Forderung nach einer klaren internen Hierarchie, während Vasseur öffentlich alles dafür tut, genau diese Festlegung nicht auszurufen, obwohl der Abstand zwischen beiden Fahrern und Hamiltons neue Position im Titelkampf die Frage immer lauter werden lassen.
© Jonathan Borba