Carlos Sainz Jr. will seine Zukunft für 2027 voraussichtlich rund um die Sommerpause festlegen, und vieles deutet darauf hin, dass seine Bereitschaft zum Verbleib bei Williams inzwischen an einen konkreten Leistungstest geknüpft ist: Das Team muss mit einem großen Upgrade, das Berichten zufolge für den Großen Preis von Aserbaidschan vorgesehen ist, beweisen, dass das Projekt wieder in die richtige Richtung geht.
Damit ist aus den üblichen Gerüchten auf dem Fahrermarkt vor allem eine Bewährungsprobe für Williams geworden. Nach hohen Erwartungen an die Entwicklung 2026 hat das Team an Schwung verloren, und Sainz machte nach Silverstone keinen Hehl aus seiner Enttäuschung. Der Spanier bezeichnete die Lage als Weckruf und sagte: „Wir müssen schnellstens herausfinden, was mit dem Auto schiefläuft und warum das Upgrade nicht funktioniert hat.“
Mehrere Berichte beschreiben den Entscheidungsrahmen inzwischen recht klar. Einerseits soll Sainz bei Williams eine Verlängerungsklausel über zwei weitere Saisons ziehen können. Andererseits gilt das Aserbaidschan-Wochenende Ende September in einigen Darstellungen als entscheidender Prüfpunkt, weil Williams dort ein „großes Upgrade“ oder sogar ein „B-Spec“-Paket bringen will, das sich demnach um ein neues Chassis drehen soll.
James Vowles, Teamchef von Williams, räumte das Risiko eines Abgangs offen ein, stellte aber zugleich in Aussicht, dass das Team die Trendwende schaffen könne. „Ich kann verstehen, dass er frustriert ist. Ich bin selbst auch frustriert. Wir müssen ihm jetzt beweisen, dass wir das Ruder in absehbarer Zeit herumreißen können. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt. Natürlich könnte er zu einem anderen Team wechseln. Aber er möchte in diesem Projekt auch seine eigenen Spuren hinterlassen, genau wie ich“, sagte Vowles.
Die Ausweichoptionen für Sainz wirken derzeit real, aber alles andere als einfach. Audi wird immer wieder als mögliches Ziel genannt, doch CEO Mattia Binotto hat öffentlich keinen Wechselbedarf erkennen lassen. Bei Silverstone sagte Binotto über seine aktuelle Besetzung: „Die Fans sollten sich keine Sorgen machen. Wir haben ein tolles Line-up. Wir haben immer gesagt, dass es eine gute Mischung aus einem jungen Piloten und einem mit viel Erfahrung ist. Das Wichtigste ist aber, dass beide schnell sind. Ich bin sehr zufrieden.“ Zu Nico Hülkenberg fügte er hinzu: „Nico hat noch viel Energie in seinem Tank. Er ist sehr fokussiert, er liefert konstant ab. Er macht den Eindruck, als wäre er ein junger Fahrer, der noch viele Jahre vor sich hat. Wir sind sehr glücklich mit ihm.“
Auch Alpine bleibt eine denkbare Möglichkeit, doch dort hängt alles an der zweiten Cockpitfrage. Pierre Gasly steht bis Ende 2027 unter Vertrag, also könnte Sainz nur dann ins Blickfeld rücken, wenn Alpine Franco Colapinto nicht behält. Steve Nielsen, Managing Director von Alpine, beschrieb Colapintos Entwicklung als verbessert, wenn auch mit Anlaufschwierigkeiten. „Franco ist ein Fahrer, der, wenn ich das so sagen darf, einen langsamen Start hatte. Er verbessert sich. Er hatte dieses Jahr schon gute Rennen. Miami war gut. China auch. Er macht Schritt für Schritt Fortschritte. Deshalb denke ich, dass er sich diesen Platz durch seine Leistungen verdient, und wenn die Zeit gekommen ist, werden wir entscheiden“, sagte Nielsen. Später machte er die Linie des Teams noch deutlicher: „Wenn er gut genug ist, bleibt er. Wenn nicht, gibt es bessere Optionen. Das ist Formel 1.“ Nielsen sagte außerdem, Colapintos Konstanz habe sich vor allem im Rennen deutlich verbessert und der Abstand zu Gasly habe sich verringert.
Für Williams erhöht das den Druck. Das Team will die Paarung aus Alex Albon und Sainz halten, doch öffentliches Vertrauen allein dürfte nicht reichen, wenn das angekündigte Upgrade den Kurs nicht ändert. Gerade deshalb ist Sainz’ Entscheidung mehr als eine normale Vertragsfrage: Wenn Williams ihn überzeugt, stabilisiert das nicht nur die eigene Planung, sondern nimmt auch Audi und Alpine eine der naheliegendsten Optionen vom Markt. Wenn nicht, könnte sein nächster Schritt zu einem der wichtigsten Auslöser für die Fahrerbewegungen 2027 werden.
© Jonathan Borba