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Bottas enthüllt Essstörung und Beinahe-Rücktritt

Valtteri Bottas hat in einem offenen Brief für The Players’ Tribune offengelegt, dass der Druck der Formel 1 bei Williams 2014 eine Essstörung auslöste und ihn Jahre später bei Mercedes so zermürbte, dass er beinahe ganz aufgehört hätte.

Der zehnfache Grand-Prix-Sieger schrieb, der Wendepunkt sei gekommen, als ihm für die Saison 2014 gesagt wurde, er solle fünf Kilogramm abnehmen, weil Williams ein übergewichtiges Auto erwartete. Bottas schilderte, wie daraus schnell eine Obsession wurde. „If you put a clear goal like that in front of me, I am going to obsess over it“, schrieb er. Als aus fünf Kilo in seinem Kopf noch mehr werden sollten, sei das Ganze „completely consuming“ geworden. Seine Zusammenfassung fiel entsprechend drastisch aus: „Basically, I started starving myself.“

Obwohl die Ergebnisse auf der Strecke stimmten, verschlechterte sich sein Zustand spürbar. Bottas berichtete von Herzrasen beim Training, „shot nerves“ und kompletter Erschöpfung. Er wog sich nach eigenen Angaben jeden Morgen und empfand Genugtuung, wenn die Zahl sank. Selbst als sein Coach merkte, dass etwas nicht stimmte, habe er weiter abgestritten, ein Problem zu haben.

Den Tiefpunkt verortet Bottas im Herbst 2014 nach Jules Bianchis Unfall in Suzuka. Valtteri Bottas schrieb in seinem Players’-Tribune-Essay, der Rückflug aus Japan sei ein „very, very dark day“ gewesen. Er habe auf dem Heimflug gedacht: „If the plane goes down, who cares? I will disappear and it will be over.“ Er habe an nichts mehr Freude gefunden und in diesem Moment begriffen, wie ernst die Lage war.

Erst danach suchte er Hilfe bei einem Psychologen. Bottas schrieb, er habe seine Probleme selbst vor dem eigenen Team, Teamkollegen und sogar seiner Familie verborgen gehalten. Nur sein Coach und sein Arzt hätten gewusst, was los war. Es habe „fast zwei Jahre“ gedauert, bis er sich wieder wie er selbst gefühlt habe.

Ganz verschwunden war diese Denkweise damit aber nicht. Bottas beschrieb auch seine Zeit bei Mercedes, nachdem er 2017 Nico Rosberg ersetzt hatte. Das erste Jahr sei gut gewesen, schrieb er, doch 2018 kippte die Situation. Er habe die Saison mit dem Gefühl begonnen, der beste Fahrer im Feld zu sein und um den Titel kämpfen zu können, am Ende aber keinen einzigen Sieg geholt. Stattdessen habe er „multiple victories“ opfern müssen, um Lewis Hamilton im Titelkampf gegen Sebastian Vettel zu helfen.

Besonders offen sprach Bottas über seine Rolle als Hamiltons „wingman“. Er erinnerte sich daran, Hamilton vorbeilassen zu müssen, obwohl er das nicht habe tun wollen. „To this day, I have complicated feelings about it“, schrieb er. Zugleich betonte er, dass es kein böses Blut gegen Hamilton, Mercedes oder Toto Wolff gebe. Trotzdem sei die gesamte Situation so belastend gewesen, dass sie ihn „almost made me walk away from the sport“.

Damit kehrten auch die alten Muster zurück. Bottas schrieb, der „negative Valtteri“ und der „obsessive Valtteri“ seien wieder da gewesen. Er habe zu viele Kommentare in sozialen Medien gelesen, sich selbst immer mehr verachtet und sei in eine neue Spirale geraten. Seine Bilanz über 2018 fiel eindeutig aus: „I was definitely depressed and burnt out. I hated racing.“ Während der Winterpause vor 2019 habe er zeitweise nicht geglaubt, noch einmal zurückzukehren.

Nach eigener Darstellung hatte er in jenem Winter sogar schon den Entschluss gefasst, zurückzutreten. Ein langer Spaziergang durch tiefen Schnee im Wald habe seine Perspektive dann verändert. Kurz darauf begann die Saison 2019 mit einem Sieg in Melbourne, den Bottas mit mehr als 20 Sekunden Vorsprung gewann.

Sein Text ist deshalb nicht nur ein Bericht über Krisen, sondern auch über den Versuch, das Verhältnis zum Sport neu zu ordnen. Bottas schrieb, ein Psychologe habe ihm schon 2014 gesagt, dass er außerhalb des Rennsports offenbar kaum andere Interessen gehabt habe. Damals sei seine ganze Identität das Racing gewesen. Heute beschreibt er sich noch immer als extrem ehrgeizig, aber mit mehr Abstand. „Look, I’m still crazy. I still obsess over all of this. I still think I’m the best driver on the grid. But now I have a little bit of perspective to go with it.“

Nach seinem Aus bei Sauber und der Rückkehr mit Cadillac formulierte Bottas denselben Gedanken noch klarer. Er rechne sportlich nicht mit einfachen Bedingungen, schrieb aber zugleich: „I’m the happiest I’ve ever been, and I’m the best driver I’ve ever been.“ Gerade das macht sein Essay für die Formel 1 relevant: Nicht die Resultate allein, sondern der Preis, den ein Fahrer dafür zahlt, und was sich ändert, wenn er sich Hilfe holt, bevor der Sport ihn ganz verliert.