Kimi Antonelli ist trotz seines Nullers in Silverstone und eines auf 25 Punkte geschmolzenen Vorsprungs weiter der klare Maßstab im internen Mercedes-Titelkampf, weil seine Saisonform und sein Eindruck im Fahrerlager George Russell stärker unter Druck setzen als das Ergebnis vom Sonntag vermuten lässt.
Nach neun Rennen führt Antonelli die Formel-1-Weltmeisterschaft weiterhin an. Der 19-Jährige hat 2026 bereits fünf Grands Prix gewonnen und dazu den Sprint in Silverstone. Nach Monaco hatte sein Vorsprung noch 66 Punkte betragen, ehe Ausfälle in Barcelona und beim möglichen Siegkampf in Silverstone den Abstand auf 25 Zähler zu Russell reduzierten.
Mercedes-Teamchef Toto Wolff bremste deshalb trotz der Ergebnisse die aufkommende Euphorie und zugleich die Vergleiche mit den ganz Großen. Im Gespräch mit der Gazzetta dello Sport sagte Wolff: „Im Moment übertrifft er unsere kühnsten Erwartungen, aber er darf sich nicht zufrieden fühlen.“ Den Senna-Vergleich wies er direkt zurück: „Wir können ihn nicht mit Ayrton Senna vergleichen, der drei Titel gewonnen hat und einer der ikonischsten Fahrer aller Zeiten ist. Kimi hat fünf Rennen gewonnen, lasst ihn wachsen.“
Auch Gunther Steiner sieht durch Silverstone keine Verschiebung an der Spitze dieses Duells. Der frühere Haas-Teamchef sagte nach dem Grand Prix von Großbritannien, Antonelli bleibe für ihn trotz des kleineren Rückstands der klare Favorit auf den WM-Titel. Besonders beeindruckt habe ihn dessen Reife im Sprint. „Für mich ist Kimi im Moment einfach unglaublich. Was er zeigt, ist beeindruckend. Im Sprint stand er nicht auf Pole, aber er hat gewartet. Er wusste, dass er Lewis überholen würde. Er wusste genau, was er tat“, sagte Steiner.
Für Russell ist genau das das Problem. Zwar kam er in Silverstone im Klassement gut davon, doch mehrere Ex-Fahrer sehen intern weiter einen Leistungsnachteil. David Coulthard sagte im Podcast Up To Speed, Russell werde das Gefühl haben, er sei „gut durch dieses Wochenende gekommen“, wisse aber auch, dass dabei Glück im Spiel gewesen sei. Coulthards Punkt war klar: Wenn beide Mercedes vorne mitmischen, hole Antonelli derzeit meist mehr aus dem Auto heraus.
Mark Webber beschrieb auf F1 TV denselben Trend über die Konstanz. Russell könne starke einzelne Runden fahren, doch bei den durchschnittlichen Qualifying-Runden sei Antonelli „im Moment einfach stärker“. Für Webber ist das der Kern von Russells Aufgabe: Er müsse in der Qualifikation mehr Regelmäßigkeit finden, um sich überhaupt die Ausgangslage zu verschaffen, mit der er Rennen anschließend kontrollieren könne.
Dass Silverstone Antonellis Ansehen kaum beschädigte, liegt auch daran, wie sein Ausfall eingeordnet wird. Vor seinem Problem machte er wieder Druck auf Charles Leclerc im Kampf um den Sieg, ehe ein Defekt seine Chancen beendete. Otmar Szafnauer wertete das im Podcast High Performance Racing weniger als Rückschritt denn als nächsten Entwicklungsschritt. Antonelli müsse noch lernen, mit einem beschädigten Auto das Maximum herauszuholen, sagte Szafnauer, und verwies auf Weltmeister wie Max Verstappen, Lewis Hamilton und Michael Schumacher als Maßstab für genau diese Fähigkeit.
Damit bleibt Silverstone für Mercedes vor allem ein Warnsignal für Russell, nicht für Antonelli. Der Punkteverlust des WM-Führenden hat das Klassement enger gemacht, aber an der Wahrnehmung wenig verändert: Antonelli ist weiterhin der Fahrer, an dem sich der teaminterne Titelkampf und womöglich auch die Weltmeisterschaft ausrichten.
© Jonathan Borba