Nach Max Verstappens Dreher in der Startphase des Miami-Grand-Prix sind zwei prominente Ex-F1-Fahrer zu völlig gegensätzlichen Urteilen gekommen: Martin Brundle sah in der 360-Grad-Rettung ein Zeichen von „Genie“, Juan Pablo Montoya sprach dagegen von „reinem Glück“.
Die Szene entstand direkt im Chaos der ersten Kurven am Hard Rock Stadium. Polesetter Kimi Antonelli, Charles Leclerc und der von Platz zwei gestartete Verstappen kämpften um die Spitze, als Leclerc außen vorbeikam, Antonelli sich verbremste und Verstappen in Kurve 2 die Kontrolle verlor. Brundle, Ex-Formel-1-Fahrer und Sky-Sports-Analyst, schrieb in seiner Kolumne, Verstappen sei von Leclerc an den Scheitelpunkt gedrängt worden, habe dann „zu gierig“ ans Gas gegriffen und sich ungewöhnlich weggedreht. Entscheidend war für ihn aber die Reaktion: Noch vor dem vollen Feld habe Verstappen Gas, Bremse und Lenkrad so eingesetzt, dass sich das Auto komplett um 360 Grad drehte, ohne einzuschlagen oder abgeräumt zu werden.
Brundle wertete genau das als fahrerische Klasse. Er schrieb, Verstappen habe sich zwar umgehend per Funk beim Team für den Fehler entschuldigt, doch „davor haben wir etwas von seinem Genie in der Rettung gesehen“. Gerade in den heutigen, großen Formel-1-Autos mit vollem Tank sei es extrem schwierig, eine solche Situation im dichten Verkehr so zu kontrollieren, dass der Schaden begrenzt bleibt.
Verstappen selbst beschrieb die Szene nach dem Rennen bei Sky Sports F1 deutlich nüchterner. „Ich habe das Heck in Kurve 2 verloren und dann versucht, den Zeitverlust mit der 360 zu minimieren“, sagte er. Damit rückte er die Aktion eher als Schadensbegrenzung nach einem eigenen Fehler ein als als spektakulären Kunstgriff.
Genau an diesem Punkt setzte Montoya an. Der ehemalige Williams- und McLaren-Fahrer widersprach zunächst im BBC-Chequered-Flag-Podcast der Euphorie um die Szene. „Für mich haben alle gesagt, Max sei unglaublich gewesen, wie er den Dreher kontrolliert habe. Ich glaube, das war reines Glück“, sagte Montoya. Später bekräftigte er in seinem Podcast MontoyAS diese Sicht und hielt fest, Verstappen habe die Situation zwar gerettet, „aber trotzdem einen Fehler gemacht“.
Damit blieb es für Montoya nicht bei einer Debatte über Fahrkunst oder Instinkt. Er verwies auch auf Verstappens spätere Fünf-Sekunden-Strafe, nachdem dieser bei der Boxenausfahrt unter Safety Car die weiße Linie überfahren hatte. Für Montoya war das ein weiterer unnötiger Patzer. Gerade unter Safety-Car-Bedingungen dürfe so etwas auf diesem Niveau nicht passieren.
Der Streit über die Deutung der ersten Runde änderte am sportlichen Ergebnis wenig. Verstappen brachte den Red Bull zwar auf Platz fünf ins Ziel und nahm zehn Punkte mit, machte nach dem Rennen aber klar, dass die Rettungsaktion seine eigentlichen Probleme nicht überdeckte. Der frühe Wechsel auf harte Reifen habe nicht funktioniert, sagte er, auf dieser Mischung habe er „kein echtes Tempo und keinen Grip“ gehabt. Deshalb sei ein Sieg ohnehin außer Reichweite gewesen. „Vielleicht hätte ich in der Gegend sein können, in der Oscar vielleicht war, mit einem normaleren Rennen“, sagte Verstappen. „Ich denke, wir haben uns an diesem Wochenende stark verbessert. Leider fehlt uns im Rennen noch ein bisschen.“
© Jonathan Borba