© Adriaan Greyling

Marshall: Ferrari-Flügel zeigt Freiheit der 2026er

McLaren-Chefdesigner Rob Marshall sagt, dass die 2026er Formel-1-Regeln viel weniger einheitliche Autos hervorgebracht haben als zunächst befürchtet, und für ihn ist Ferraris auffälliger Heckflügel der deutlichste Beleg dafür.

Marshall erklärte bei einem McLaren-Medientermin und in Aussagen gegenüber Medien inklusive RacingNews365, man habe vorab erwartet, dass das neue Reglement "ziemlich vorschreibend" sein würde. Auf dem Papier wirkten die komplexen CAD-basierten Vorgaben und die sogenannten Legality Boxes so eng, dass das Auto sich "fast von selbst" zeichne. Als die Teams aber erstmals aufeinandertrafen, habe sich ein ganz anderes Bild gezeigt. Es gebe "ziemlich viele verschiedene Lösungen" an den Autos der Konkurrenz, sagte er, und insgesamt sei das Regelwerk "nichts annähernd so vorschreibend, wie wir gedacht hatten".

Am stärksten fiel McLaren dabei Ferrari auf. Marshall sagte, die "unmittelbare Frage" beim ersten Blick auf den radikalen Heckflügel der SF-26 in den Bahrain-Tests sei gewesen, ob diese Lösung überhaupt legal sei. Er beschrieb die Reaktion im Fahrerlager so: "Jeder hat das gesehen und gedacht: 'Oh, okay, ja, das ist also in Ordnung. Sind wir sicher, dass das legal ist?'" Die Antwort sei gewesen: "Ja, ist es." Marshalls Fazit dazu: "Na gut, gut gemacht dann."

Der Flügel, intern als "Macarena" beschrieben, besitzt laut Zusammenfassung eine Klappe, die sich um 270 Grad dreht und sich öffnet und schließt. In Bahrain sollte die Konstruktion auf den Geraden durch ein Verhalten ähnlich einem Flugzeugflügel den Topspeed erhöhen. Im Grand Prix kam sie bislang nicht zum Einsatz, war aber im Training zum Großen Preis von China an den Autos von Lewis Hamilton und Charles Leclerc zu sehen. Danach wurde sie dort nicht weiter verwendet und auch in Japan nicht eingesetzt. FIA-Technikchef für Einsitzer Nikolas Tombazis wies die Zweifel an der Legalität zurück und sagte, Ferrari dürfe den Flügel "so einsetzen, wie es das Team für richtig hält".

Für Marshall beschränkt sich Ferraris Eigenständigkeit nicht auf dieses eine Bauteil. McLaren habe auch "interessante Dinge" am Auslass des Auspuffs gesehen. Gerade das unterstreiche seinen Punkt, dass die Teams trotz des neuen Regelwerks zu sehr unterschiedlichen Interpretationen gefunden haben.

Als weitere Beispiele nannte Marshall Audi und Aston Martin. Audis Sidepods seien "ziemlich interessant", weil das Team "eine andere Lösung" gewählt habe, zu der sonst niemand etwas wirklich Vergleichbares habe. Bei Aston Martin hob er die Aufhängungsgeometrie hervor. Das Heck wirke "ziemlich ambitioniert", die Vorderachse sei ebenfalls "sehr interessant" und in gewisser Weise vielleicht von etwas inspiriert, das McLaren im vergangenen Jahr gemacht habe.

Selbst in Bereichen, in denen viele eine Angleichung erwartet hatten, sieht Marshall stattdessen Vielfalt. Die Frontflügel seien über das gesamte Feld hinweg unterschiedlich, obwohl viele gedacht hätten, sie würden am Ende fast gleich aussehen. Für McLaren ist genau das der entscheidende Befund der ersten Rennen: Das Reglement belohnt weiter Interpretation statt bloßer Standardlösungen.

Daraus folgt für Woking auch der Umgang mit fremden Ideen. Marshall sagte: "Wir schauen uns alles an." Manche Konzepte würden nach dem Lesen des Reglements sofort verworfen, andere blieben offen. Einige gingen bis in Windkanal- oder CFD-Tests, andere blieben zunächst theoretische Studien. Entscheidend sei aber nicht das bloße Kopieren. In der Formel 1 heiße es oft, Kopieren funktioniere nicht, "aber das ist nicht immer wahr", sagte er mit Verweis auf den Doppeldiffusor, der nach einem ersten erfolgreichen Einsatz auch bei anderen Autos funktionierte.

Der eigentliche Unterschied liege für ihn zwischen Nachbauen und Verstehen. Wer nur ein Teil kopiere, habe noch nicht das Know-how dahinter. Der wichtigere Schritt sei zu erkennen, was ein anderes Team mit seiner Lösung erreichen wolle. Wer das sauber erforsche, könne sich dasselbe Verständnis erarbeiten und es sogar schneller entwickeln, weil die Inspiration bereits da ist. Genau deshalb ist Ferraris Heckflügel für McLaren mehr als ein kurioses Einzelstück: Er zeigt, dass der technische Wettlauf 2026 trotz enger Vorgaben offen bleibt und weiterhin über Interpretation entschieden wird.