Haas hat das Qualifying zum Grand Prix von Kanada 2026 nur auf den Plätzen 16 und 17 beendet, obwohl das neue Montreal-Upgrade laut Team grundsätzlich Abtrieb liefert. Oliver Bearman brachte den VF-26 mit 1:14,416 in Q2 auf Startplatz 16, Esteban Ocon schied mit 1:14,845 in Q1 als 17. aus, nachdem Haas das gesamte Wochenende mehr mit Fehlersuche als mit Performancegewinn verbrachte.
Der Kern des Problems war nicht ein fehlender Entwicklungsschritt, sondern ein Auto, das nach den neuen Teilen in ein extrem enges Arbeitsfenster geriet. Bearman beschrieb das Paket sinngemäß als zweischneidiges Schwert: Das Potenzial sei da, aber die Charakteristik des Autos sei sehr schwierig geworden. Haas habe das ganze Wochenende "dem eigenen Schwanz hinterhergejagt". Wenn das Auto für bessere Fahrbarkeit abgestimmt werde, würden die Kurveneingänge problematisch. Wenn es für mehr Performance versteift werde, gehe das Vertrauen verloren. So bewege sich das Team "auf Messers Schneide".
Das erklärte auch, warum Haas vor dem Sprint am Samstag sogar das Parc fermé für Bearmans Auto aufbrach. Der Brite musste dadurch statt von seinem ursprünglichen Startplatz aus der Boxengasse losfahren, weil das Team den VF-26 in ein besseres Fenster bringen wollte. Die Änderungen brachten aber keine schnelle Wende. Erst im Qualifying für den Grand Prix, als Bearman dem Auto beim Anbremsen und Beschleunigen endlich mehr vertrauen konnte, wurde sichtbar, was das nächste Problem war: starke blockierende Vorderräder, sobald er die Kurveneingänge härter attackierte.
Der schwierige Verlauf begann bereits am Freitag. Haas brachte in Montreal ein neues Aerodynamikpaket, darunter laut den vorliegenden Angaben neue Seitenkästen und einen neuen Unterboden. Doch die einzige Trainingssitzung wurde durch drei rote Flaggen zerrissen. Ocon schlug zudem in die Mauer ein und beschädigte den Frontflügel. Unter diesen Bedingungen fehlten dem Team die sauberen Runden, um das Verhalten des alten und des neuen Pakets auf den Randsteinen und Bodenwellen des Circuit Gilles Villeneuve sauber zu verstehen.
Bearman sagte, genau diese Streckencharakteristik habe die Lage noch verschärft. In Montreal mit seinen vielen Bodenwellen und Kerbs sei das Auto kaum zu beruhigen gewesen. Teilweise habe er wegen der Schläge fast schon damit gekämpft, die Kurven überhaupt sauber zu sehen. Das Upgrade schien also nicht wertlos zu sein, machte den VF-26 aber so sensibel, dass Haas keine stabile Abstimmung fand.
Auch Ocon traf die Umstellung hart. Er erklärte, das überarbeitete Auto sei "sehr anders zu fahren" gewesen, und die Zeit habe nicht gereicht, sich daran anzupassen. "Wir haben das Auto direkt vor dem Qualifying komplett verändert, daher war es nicht einfach, ein richtiges Gefühl zu bekommen, und wir hatten nur drei oder vier Runden, um uns an alles zu gewöhnen", sagte der Franzose. Er habe erst auf seiner letzten Runde angefangen zu verstehen, wo mit dem aktualisierten Auto Grip vorhanden sei und wo nicht.
Dass Bearman die neuen Probleme erst im Qualifying freilegte, sagte viel über Haas' Wochenende aus. Er erklärte, mit etwas mehr Vertrauen drücke er die Kurveneingänge nun endlich an, blockiere dabei aber jedes Mal die Vorderachse. Andere Teams hätten solche Themen womöglich schon im ersten Training gefunden. Haas sei zuvor jedoch so weit vom idealen Fenster entfernt gewesen, dass das Team das Auto gar nicht aggressiv genug fahren konnte, um diese Schwäche überhaupt sichtbar zu machen.
Teamchef Ayao Komatsu sagte, Haas sei zunächst mit "mehr Fragen als Antworten" aus den frühen Sessions gegangen. Gleichzeitig zog er aus dem enttäuschenden Ergebnis einen wichtigen technischen Hinweis: "Der aerodynamische Abtrieb liefert." Haas habe begonnen, die kurvenspezifischen Probleme zu isolieren, die den VF-26 in Montreal aus dem Arbeitsfenster drückten. Das schlechte Kanada-Ergebnis könnte damit zumindest einen klareren Entwicklungspfad vorgeben, wenn das Team die Ursache der Balance-, Kerb- und Bremsprobleme sauber eingrenzt.
© Jonathan Borba