Nach sieben Formel-1-Rennen ist erst ein einziger Strafpunkt vergeben worden: Franco Colapinto erhielt ihn in Barcelona, weil er unter Gelb nicht ausreichend verlangsamte. Für Zwischenfälle aus direkten Positionskämpfen gab es bislang keinen einzigen Strafpunkt mehr.
Damit zeigt die vor der Saison eingeführte Anpassung der FIA-Leitlinien sofort Wirkung. Während die Empfehlungen für Sportstrafen weitgehend unverändert blieben, wurde die Vergabe von Strafpunkten deutlich flexibler gefasst. Vor allem bei Kollisionen können die Stewards nun je nach Schwere des Vorfalls zwischen null und drei Punkten vergeben, statt wie zuvor typischerweise automatisch drei anzusetzen.
Genau diese Änderung hatten die Fahrer gefordert, weil Strafpunkte direkt bis zu einer Rennsperre führen können. Carlos Sainz, GPDA-Direktor und Williams-Fahrer, sagte gegenüber Motorsport.com: „Ich denke, ein Fahrer sollte eine Rennsperre bekommen, wenn er seine Konkurrenten oder die Marshals dauerhaft gefährdet oder sich gegenüber FIA und Stewards danebenbenimmt.“ Für normale Vergehen ohne Gefährdung halte das Fahrerfeld Strafpunkte dagegen nicht für angemessen. „Wir glauben nicht, dass Strafpunkte vergeben werden sollten, wenn man weder Gelb noch Rot missachtet, niemanden gefährdet und keinen Konkurrenten in Gefahr bringt. Und ehrlich gesagt war die FIA dabei bisher extrem hilfreich“, sagte Sainz.
Ein konkretes Beispiel für den neuen Ansatz lieferte der Vorfall in China zwischen Esteban Ocon und Colapinto. Ocon bekam für die Kollision zwar eine Zehn-Sekunden-Zeitstrafe, aber keine Strafpunkte auf seine Lizenz. In den aktualisierten Leitlinien heißt es ausdrücklich, Strafpunkte für das Verursachen einer Kollision sollten „an die Schwere des verursachten Zwischenfalls angepasst werden“.
Auch in anderen Bereichen wurde die Linie gelockert. Das Abdrängen eines anderen Fahrers von der Strecke zieht nur noch dann Strafpunkte nach sich, wenn das Manöver als „reckless“ eingestuft wird. Beim Ignorieren blauer Flaggen empfehlen die Leitlinien grundsätzlich keine Strafpunkte mehr. Unverändert hart bleibt die FIA nur bei Vorfällen mit „apparent deliberate or reckless intent“: In solchen Fällen sind weiterhin vier Strafpunkte vorgesehen.
Für Oliver Bearman ist das besonders relevant. Der Haas-Fahrer führt die aktuelle Strafpunkte-Tabelle trotz des neuen Kurses weiterhin mit acht Punkten an und begrüßt die neue Linie ausdrücklich. Das frühere System habe Fahrer eher vom Angreifen abgehalten, sagte er: „Die Art, wie Strafpunkte in den vergangenen Jahren so großzügig verteilt wurden, hat uns nicht wirklich dazu ermutigt, etwas zu versuchen, wirklich zu racen.“ Wenn ein Überholversuch schiefgehe, werde der Fahrer im Rennen ohnehin bestraft. Entscheidend sei, dass daraus nicht zusätzlich noch eine spätere Rennsperre wegen eines normalen Rennzwischenfalls drohe.
Bearman machte zugleich klar, dass gefährliche Fehler weiter streng geahndet werden sollten. Er verwies auf seinen eigenen Vorfall in Silverstone, als er im dritten Training unter Rot bei der Einfahrt in die Boxengasse crashte und dafür vier Strafpunkte erhielt. Diese Sanktion akzeptierte er als angemessen. Genau darin liegt der Effekt der neuen Regeln: normale Rennduelle werden nicht mehr automatisch mit Strafpunkten belegt, wirklich gefährliche Verstöße aber weiterhin.
© Jonathan Borba