Nach fünf Grands Prix der Formel-1-Saison 2026 ist noch kein einziger Strafpunkt auf einer Superlizenz verhängt worden, obwohl der Kanada-GP mit Isack Hadjars Doppelgelb-Verstoß und mehreren 10-Sekunden-Strafen erstmals ein Wochenende mit spürbar harten Eingriffen der Stewards geliefert hat.
Gerade Montreal macht den Widerspruch sichtbar. Hadjar bekam zunächst zehn Sekunden Strafe, weil er sich gegen Charles Leclerc mit mehrfachen Richtungswechseln verteidigte. Später folgte sogar ein 10-Sekunden-Stop-and-Go, nachdem er unter Doppelgelb seine Geschwindigkeit nicht "signifikant" reduziert hatte. Beide Vergehen galten als strafwürdig, eines davon sogar als sicherheitsrelevant, doch Strafpunkte gab es auch in diesem Fall nicht.
Damit passt Kanada in einen auffälligen Saisontrend. In Australien wurden vier Vorfälle untersucht, ohne dass eine Strafe ausgesprochen wurde. In China wurde im Rennen nur die Kollision zwischen Esteban Ocon und Franco Colapinto formell untersucht, in Japan gab es während des Rennens gar keine Untersuchung, auch nicht nach dem Zwischenfall zwischen Colapinto und Oliver Bearman. Erst Miami brachte mehr strittige Szenen, Kanada dann die erste Veranstaltung mit deutlicherem Eingreifen der Rennkommissare. Der Zähler bei den Strafpunkten steht trotzdem weiter bei null.
Auffällig ist das auch im Vergleich zu den Vorjahren. Über die ersten fünf Grands Prix hinweg wurden sportliche Strafen im vergangenen Jahr fünfmal mit Strafpunkten kombiniert, 2024 sogar achtmal. 2026 bleibt diese zweite Ebene der Sanktion bislang komplett ungenutzt.
Nach Informationen von Autosport und Motorsport.com ist das kein Zufall, sondern Folge von Wintergesprächen zwischen FIA und Fahrern. Die Fahrer drängten demnach auf ein milderes System, in dem Strafpunkte nur noch bei bewusstem oder rücksichtslosem Verhalten verhängt werden. Hintergrund war die Debatte, wie schnell sich Fahrer mit eher kleineren Vergehen in Richtung Sperre bewegen können.
Diese Linie findet sich nun auch in den überarbeiteten Richtlinien wieder. Dort wird ausdrücklich klargestellt, dass die mit Stern markierte Zahl bei Strafpunkten "denotes the guideline MAXIMUM" und dass "any number of points from 0 to that number could be imposed" werden kann. Die Stewards haben also nicht nur mehr Spielraum, sondern den ausdrücklichen Hinweis, dass auch null Punkte regelkonform sein können.
Besonders deutlich wird die Verschiebung bei Kollisionen. In den Leitlinien heißt es jetzt, "penalty points for causing [a collision] should be adjusted based on the severity of the incident caused". Für sehr leichte Berührungen wird sogar präzisiert, dass eine "collision" mit nur minimalem Kontakt ohne Strafe enden kann, und in diesem Bereich wurde das Maximum bei den Strafpunkten auf null reduziert.
Für andere Vergehen ist die Lage heikler, weil der Spielraum zwar schon vorher bestand, 2026 aber noch konsequenter in Richtung Null genutzt wird. Beim Missachten von Doppelgelb bleibt als sportliche Sanktion ein 10-Sekunden-Stop-and-Go vorgesehen, dazu können bis zu drei Strafpunkte verhängt werden. Auch bei mehrfachen Richtungswechseln in der Verteidigung reicht die Spanne weiter bis zu drei Punkten. In Montreal entschied man sich in beiden Fällen gegen jeden Eintrag auf Hadjars Superlizenz.
Der Kanada-GP war damit nicht der einzige Hinweis auf die neue Linie. Ocon erhielt in China nach seiner Kollision mit Colapinto zehn Sekunden, aber keine Strafpunkte. Oscar Piastri bekam in Montreal für die Kollision mit Alex Albon ebenfalls zehn Sekunden ohne zusätzliche Punkte. Selbst dort, wo die Stewards also klar Schuld zuweisen und empfindliche Zeitstrafen aussprechen, bleibt das Strafpunktesystem außen vor.
Genau daraus entsteht die eigentliche Frage für die Formel 1. Wenn 2026 selbst ein Doppelgelb-Verstoß wie der von Hadjar, Ocons Kollision in China und Piastris Unfall mit Albon ohne Strafpunkte bleiben, dann wirkt das seit 2014 bestehende System nur noch eingeschränkt als eigenes Disziplinarinstrument.
© Jonathan Borba