Mohammed Ben Sulayem hat für die Formel 1 einen neuen Motorenplan ab 2030 oder 2031 skizziert, doch der Vorstoß für einen günstigeren 2,6-Liter-Saug-V8 mit Standard-KERS stößt ausgerechnet bei Herstellern wie Audi und Mercedes auf Widerstand wegen des Turbo-Verzichts und der Effizienzfrage.
Nach einem am Montag bekannt gewordenen Bericht, der sich auf Motorsport Italia stützt, sollen die nächsten Motorenregeln eigentlich 2031 in Kraft treten. Der FIA-Präsident will sich mit den Herstellern aber auf eine Vorziehung auf 2030 verständigen. Vorgesehen sind ein 2,6-Liter-V8 ohne Turbo, ein KERS-System mit 122 bis 136 zusätzlichen PS und nachhaltiger Kraftstoff.
Die FIA verkauft das Konzept zugleich als Kostenprojekt. Die komplette Power Unit soll laut dem Bericht nicht mehr als 500.000 Euro kosten. Beim Kraftstoff ist eine Obergrenze von 10 Euro pro Liter für nachhaltiges Benzin vorgesehen, statt der im Artikel genannten aktuellen E-Fuel-Kosten von mehr als 200 Euro pro Liter. Die Richtung ist klar: einfacher, lauter und billiger als die komplexen Hybridpakete, die die Formel 1 derzeit prägen.
Genau an diesem Punkt beginnt aber der Konflikt mit einem Teil der Hersteller. Audi-Formel-1-Chef Mattia Binotto machte im Gespräch mit Motorsport.com deutlich, dass der künftige Motor aus Sicht des Unternehmens weiter stark auf Effizienz ausgelegt sein muss. "Audi hat die Bedeutung von Effizienz immer unterstützt", sagte Binotto. Dabei gehe es um Kraftstoffverbrauch, Emissionen und den Technologietransfer vom Motorsport in die Serienproduktion.
Für Audi ist die Debatte damit nicht auf die Frage V8 oder nicht V8 reduziert. Binotto sagte, die eigentliche Herausforderung bestehe darin, einen Formel-1-Motor zu entwickeln, der "weiterhin hoch effizient ist, aber weniger komplex, leichter und bezahlbar". Genau das müsse gelöst werden. Laut den Berichten sehen Audi und Mercedes deshalb einen Turbo weiterhin als notwendig an und lehnen eine reine Saugmotor-Konfiguration ab.
Damit legt Ben Sulayems Vorschlag sofort den Grundkonflikt der nächsten Regelrunde offen. Die FIA und Teile des Feldes drängen auf Vereinfachung und sinkende Kosten, während Hersteller darauf achten, dass die Technik für ihre eigene Positionierung und ihre Entwicklungsziele relevant bleibt. Gerade weil die Gespräche über die Motorenformel nach 2030 bereits laufen, ist die Frage nicht nur, welche Konfiguration spektakulärer klingt, sondern welche Hersteller sich in der neuen Architektur wiederfinden.
Brisant wird die Debatte auch durch Ben Sulayems zusätzliche Idee eines weißen Drittanbieter-Motors für unabhängige Teams. Sie soll den Kundenteams mehr Unabhängigkeit geben und verhindern, dass ein direkter Gegner auf der Strecke zugleich Motorenlieferant ist.
Genau dieser Punkt wird jedoch als riskanter Richtungswechsel gesehen. In dem Meinungsbeitrag zu Ben Sulayems Vorstoß wird ein solcher Kundenmotor als "major change of direction" beschrieben, der sehr sorgfältig durchdacht werden müsse. Die zentrale Warnung lautet, ein billiger unabhängiger Motor würde die Formel 1 sofort in "haves and have-nots" teilen. Das stünde quer zu Maßnahmen wie Budgetobergrenze, faireren Concorde-Zahlungen und den Beschränkungen bei Aerodynamiktests, die eigentlich mehr Parität im Feld schaffen sollen.
Damit geht es in der aktuellen Motorendebatte um weit mehr als Sound und Zylinderzahl. Ben Sulayem hat eine günstigere und einfachere Zukunftsformel auf den Tisch gelegt, doch wenn Hersteller bei Turbo und Effizienz nicht mitziehen und zugleich die Balance zwischen Werksteams und Kundenteams neu aufgerissen wird, entscheidet sich an diesem Streit, wie die Machtverhältnisse in der Formel 1 nach 2030 aussehen.
© Jonathan Borba