David Coulthard ist überzeugt, dass die Formel 1 viele ihrer Probleme mit dem neuen Reglement 2026 hätte vermeiden können, weil Fahrer und Ingenieure die negativen Folgen schon vor dem Saisonstart klar benannt hatten.
Im Up to Speed-Podcast sagte der frühere Formel-1-Fahrer, dass es vor dem ersten Rennen bereits mehrere Warnungen gegeben habe, unter anderem von Max Verstappen. Dabei sei konkret auf Effekte wie „Superclipping“ und „Jojo-Rennen“ hingewiesen worden, also auf Phänomene, die das Racing unter den neuen technischen Vorgaben verschlechtern könnten. Für Coulthard ist der zentrale Vorwurf, dass diese Einschätzungen intern längst bekannt waren, aber nicht ernst genug genommen wurden.
„Die neuen Regeln wirkten ein bisschen wie die Halbzeitshow beim WM-Finale“, sagte David Coulthard im Up to Speed-Podcast. Er nannte die Einführung „ein bisschen enttäuschend“, weil das Problem „wie eine Dampfwalze“ auf die Serie zugerollt sei, obwohl viele hätten sehen können, was kommt. Seine Analogie war deutlich: Fahrer und Ingenieure hätten praktisch gesagt, dass das nicht gut ausgehen werde, während „vom Rest der Formel 1 fast kein Ton“ gekommen sei.
Damit zielte Coulthard nicht nur auf einzelne Detailprobleme, sondern auf den gesamten Umgang der Serie mit dem Regelwechsel. Aus seiner Sicht war die Entwicklung vorhersehbar. Gerade deshalb wiegt für ihn schwer, dass die Formel 1 nicht präventiv handelte, obwohl sie mit Simulationen und Vorhersagemodellen arbeitet wie kaum eine andere Rennserie.
Spätestens beim Grand Prix von Australien in Melbourne seien die Warnzeichen dann nicht mehr zu übersehen gewesen. Coulthard beschrieb den Eindruck im Fahrerlager so: „Wir alle kamen in Melbourne an und sagten: Ah, die Autos verlangsamen sich, wenn sie sich bestimmten Kurven nähern.“ Genau dieser Effekt habe gezeigt, dass die befürchteten Folgen des Energiemanagements nicht nur theoretische Bedenken waren, sondern sofort auf der Strecke sichtbar wurden.
Dass die Formel 1 danach auf die Realität reagieren musste, ist für Coulthard der eigentliche Makel der Geschichte. Er sagte, er habe das Gefühl, dass man diese Entwicklung habe kommen sehen und dass „niemand den vorhergesagten Problemen wirklich zugehört“ habe. In einem Sport, der „die Zukunft so intensiv simuliert“, sei es besonders enttäuschend, erst durch das reale Rennwochenende in Melbourne zum Handeln gezwungen worden zu sein.
Ganz ohne positives Gegenargument lässt Coulthard die Saison trotzdem nicht stehen. Er räumte ein, dass sich das Bild seit dem Grand Prix von Miami verbessert habe. „Was das Comeback nach dieser Enttäuschung angeht, muss ich sagen: Seit Miami ist es gut gelaufen“, sagte er. Fünf verschiedene Sieger in den vergangenen fünf Grands Prix seien für ihn ein klarer Hinweis darauf, dass die Saison inzwischen abwechslungsreicher geworden sei.
Diese sportliche Erholung ändert für Coulthard aber nichts am Grundproblem. Die größere Geschichte ist für ihn nicht, dass die Formel 1 später noch korrigieren konnte, sondern dass sie überhaupt erst an diesen Punkt kommen musste. Gerade weil die Warnungen früh da waren und die möglichen Nebenwirkungen des Reglements schon vor dem Saisonstart diskutiert wurden, bleibt für ihn der Vorwurf bestehen, dass die Serie einen vermeidbaren Fehlstart in die 2026er Ära hingelegt hat.
© Jonathan Borba