Nach sechs Einsätzen der Formel-1-Saison 2026 steckt Audi bereits in einer handfesten Zuverlässigkeitskrise: sechs Ausfälle, Nichtstarts oder Disqualifikationen in vier Grands Prix und zwei Sprints, mit Miami als jüngstem Tiefpunkt.
Das Muster ist inzwischen klarer als jeder einzelne Zwischenfall. Der Audi R26 fiel in Australien bei Nico Hülkenberg schon vor dem Start mit einem „Defekt vor Start“ aus. In China stoppte Hülkenberg im Sprint mit einem Defekt in Runde 13, für den es laut Bericht keine Erklärung gab, und im Grand Prix traf es Gabriel Bortoleto erneut vor dem Start. In Miami wiederholte sich das Bild: Hülkenberg konnte den Sprint nach einem Defekt vor dem Start nicht aufnehmen, Bortoleto wurde nachträglich wegen zu hohen Ansaugluftdrucks des Motors disqualifiziert, und Hülkenberg schied im Rennen in Runde sieben mit einem offiziellen „technischen Problem“ aus.
Damit hat Audi sein Auto in dieser Saison bereits dreimal gar nicht erst an den Start gebracht, zweimal vor dem Ziel verloren und einmal nachträglich aus der Wertung verloren. Besonders auffällig ist, dass viele dieser Probleme rund um den Start oder die ersten Rennphasen auftreten.
Genau dort sieht Christian Danner, Formel-1-Experte im AvD Motorsport-Magazin, den Schlüssel. „Es ist entweder die Hydraulik oder das Getriebe“, sagte Danner. Seine Einschätzung stützt sich auch darauf, dass Nico Hülkenberg und Gabriel Bortoleto bei ihren Starts regelmäßig Positionen verloren. Die einzige genannte Ausnahme war Bortoleto im Miami-Grand-Prix, als er ohnehin vom letzten Startplatz losfuhr.
Danner hält vor allem ein Problem im ersten Gang für denkbar. „Ich bin immer dann besonders schlecht gestartet, wenn der erste Gang zu lang war. Ich kann mir vorstellen, dass das ein banales Problem in dem Getriebe ist“, sagte er. Dazu passen laut Bericht auch Beschwerden der Audi-Fahrer über eine ruckelige Gangschaltung. In Miami verdichtete sich dieser Verdacht, als Hülkenbergs R26 im Rennen auf der langen Geraden am Ende von Runde sieben im ersten Gang stecken blieb. Trotz Anweisungen seines Renningenieurs fand sich keine Lösung, ehe in Kurve 17 der Befehl kam, das Auto abzustellen und direkt an die Box zurückzubringen.
Auch der Ausfall vor dem Miami-Sprint nährte die Vermutung, dass mehr als nur ein isolierter Defekt dahintersteckt. Hülkenbergs Auto fing auf dem Weg zur Sprint-Aufstellung am Heck Feuer. Danner leitete daraus eine zweite Spur ab: „Für mich war das Hydraulikflüssigkeit auf dem Auspuff, wie es eigentlich immer ist. Irgendein Öl, und da es der Motor nicht war, tippe ich auf Hydraulikflüssigkeit, ohne es zu wissen.“ Im Fahrerlager wird laut Bericht schon länger spekuliert, dass Lecks oder Defekte im Hydraulikbereich hinter Audis schwacher Zuverlässigkeit stehen.
Das würde erklären, warum die Probleme so viele Bereiche des R26 betreffen könnten. Audi tritt in diesem Jahr als Werksteam an und musste das System erstmals komplett selbst entwickeln. Die Hydraulik steuert im Auto zentrale Funktionen von Bremsen über Lenkung bis hin zum Getriebe. Wenn dort die Basis nicht stabil ist, kann sich das an mehreren Stellen gleichzeitig bemerkbar machen.
Danner sieht deshalb keinen kleinen Schönheitsfehler, sondern eine komplexe technische Baustelle. Zum Seamless-Shift-Getriebe sagte er: „Das Seamless-Shift-Getriebe, also eines mit weichen Schaltvorgängen, bei denen die Hinterachse nicht belastet wird, ist vielleicht noch nicht in Perfektion beherrscht.“ Zugleich verwies er auf den Entwicklungsvorsprung der Konkurrenz: „Ferrari oder Mercedes, die bauen seit zwölf Jahren solche Getriebe. Das ist eine ganz spezielle Technologie, die zu meistern ist. Das heißt nicht, dass sie das nicht können.“
Kritik äußerte Danner auch an Audis Kommunikation. „Das stößt mir persönlich schon sehr sauer auf. Keiner sagt, was Sache ist. Das Ganze wird als technischer Vorfall verkleidet. Das finde ich unsympathisch“, sagte er im AvD Motorsport-Magazin. Während andere Teamchefs ebenfalls nicht jedes Detail offenlegten, gebe es dort aus seiner Sicht mehr Offenheit. „Da ist schon ein gerüttelt Maß an Informationsehrlichkeit vorhanden. Das fehlt mir bei Audi.“
Audi selbst räumt den Handlungsbedarf ein, bleibt bei den Ursachen aber vage. Allan McNish, Audis neuer Rennleiter, sprach nach Miami von einem „technischen Problem“ bei Hülkenbergs Ausfall im Grand Prix und nannte es „frustrierend“, am Samstag nicht mit zwei Autos am Start gewesen zu sein. Der Kern des Problems sei klar: „Wir brauchen Zuverlässigkeit.“ McNish sagte auch, Audi verstehe das System bereits zu 75 Prozent, stellte aber fest: „Wir müssen diese Dinge definitiv verbessern. Daran besteht kein Zweifel.“
Für Audi ist das die entscheidende Lage nach nur sechs Saisonstarts: Nicht die Zahl der Defekte allein ist alarmierend, sondern dass sie sich immer stärker zu einem Muster aus Startproblemen, Getriebeschwächen und möglicher Hydraulik-Anfälligkeit verdichten. Wenn das Team diese Basis nicht schnell stabilisiert, bleibt jeder Fortschritt beim Tempo zweitrangig, auch mit Blick auf Montreal.
© Spencer