Kimi Antonelli hat mit seinem Sieg in Miami den Vorsprung auf Mercedes-Teamkollege George Russell in der WM auf 20 Punkte ausgebaut und damit das interne Titelduell nach nur vier Rennen deutlich verschoben. Russell kam nach einem für ihn schwierigen Wochenende nur als Vierter ins Ziel und räumte selbst ein, dass Antonelli in Miami die klar bessere Referenz war.
Schon über das gesamte Wochenende hatte sich abgezeichnet, wie deutlich Russell auf dieser Strecke kämpfte. Im Qualifying holte Antonelli seine dritte Grand-Prix-Pole in Serie, Russell war als Fünfter 0,399 Sekunden langsamer. Er erklärte danach, er habe in der letzten Kurve seiner letzten Runde einen Fehler gemacht und sei dabei etwa drei Zehntel vorne gewesen. Grundsätzlich sei Miami aber seit jeher eine seiner schwächsten Strecken. Der Asphalt sei "sehr rutschig", das Auto rutsche dort permanent über alle vier Räder, und genau damit tue er sich schwer. "Ich bevorzuge Strecken mit viel Grip, wo Reifen und Auto stärker mit dem Asphalt verbunden sind", sagte Russell.
Dass das nicht nur eine Momentaufnahme war, machte auch Toto Wolff deutlich. Der Mercedes-Teamchef sagte bei Sky Deutschland: "Ich glaube, George ist hier auf dem falschen Fuß gewesen, weil der Asphalt ist so glatt und es war nie ein gutes Rennen für ihn." Wolff ordnete Miami damit als Strecke ein, die Russell schlicht weniger liegt, lobte zugleich aber die Entwicklung auf der anderen Garagenseite: "Kimi ist jetzt richtig ins Fahren gekommen und man sieht, er macht weniger Fehler."
Für Russell ist das der eigentliche Kern des Problems. Antonelli war nicht nur schneller, sondern gab auch die Richtung vor. Nach dem Rennen sagte Russell bei Sky UK: "Es war einfach ein schwieriges Rennen." Erst in den letzten zehn Runden habe Mercedes große Änderungen am Differenzial und an der Bremsbalance vorgenommen. Dieses Set-up sei "viel näher an dem Set-up, mit dem Kimi am ganzen Wochenende gefahren ist" gewesen. "Das hat einen großen Unterschied gemacht", sagte Russell, auch wenn er zugleich klarstellte, dass es insgesamt "kein gutes Wochenende" gewesen sei.
Damit bekommt der teaminterne Vergleich eine neue Schärfe. Russell war vor der Saison als Favorit auf den Titel gehandelt worden, auch weil er über mehr Erfahrung verfügt. Noch vor Miami hatte er den WM-Kampf mit einem Marathon verglichen und betont, nach vier Rennen sei das noch kein entscheidender Moment. Nach Miami ist die Lage aber verändert: Antonelli hat nicht nur den Punktevorsprung, sondern auch das Momentum, und in Miami sah Russell selbst, dass sein Teamkollege mit dem funktionierenden Paket unterwegs war.
Wolff will aus dem Rückschlag trotzdem keinen grundsätzlichen Trend gegen Russell ableiten. Auf die größer gewordene Punktelücke sagte er bei Sky UK: "George ist ein Killer, okay? Was ihn auszeichnet ist, dass er nie aufgibt und immer angreift." Er kenne Russell seit den Juniorserien, der Titel sei für ihn stets das Ziel. Deshalb habe er "keine Zweifel daran, dass die beiden für den Rest der Saison um die Punkte fighten werden."
Ganz so gelassen ist die sportliche Lage für Russell dennoch nicht. In Miami wurde aus einem engen internen Vergleich erstmals ein Wochenende, an dem Antonelli seinen Teamkollegen in praktisch allen entscheidenden Phasen übertraf. Während Russell die Strecke und die Bedingungen als strukturelles Problem beschreibt, wirkt Antonelli auf genau diesem Untergrund immer sicherer. Für Mercedes bedeutet das, dass der Fahrer mit weniger Erfahrung im Moment derjenige ist, der das interne Titelrennen vorgibt.
© Jonathan Borba