Der Wall of Champions am Circuit Gilles Villeneuve trägt seinen Namen nicht aus Übertreibung, sondern seit dem Kanada-GP 1999, als mit Damon Hill, Michael Schumacher und Jacques Villeneuve gleich drei Formel-1-Weltmeister im selben Rennen an der letzten Schikane in die Mauer fuhren.
Genau dort liegt bis heute eine der härtesten Fehlerfallen im Kalender. Am Ende der langen Geraden bremsen die Fahrer aus sehr hohem Tempo hart an, wechseln in der letzten Schikane die Richtung und müssen die Kerbs aggressiv nutzen, um Geschwindigkeit auf die Start-und-Ziel-Gerade mitzunehmen. Der Kurvenausgang ist eng bis blind, der Spielraum minimal. Die Mauer steht nur etwa zwei Meter von der Streckenkante entfernt, dazu gibt es weder Kiesbett noch einen verzeihenden Asphalt-Auslauf. Wer beim Einlenken leicht untersteuert oder beim Überfahren des Kerbs ein paar Zentimeter zu viel riskiert, wird bei annähernd 300 km/h sofort bestraft.
Der Mythos entstand in Montreal 1999 in einer einzigen Rennstunde. Hill schlug schon in Runde 14 mit seinem Jordan ein. Michael Schumacher traf die Mauer auf Runde 29 beziehungsweise 30, als er das Rennen anführte. Wenige Runden später schied auch Villeneuve an derselben Stelle aus. Ein weiterer Bericht nennt zudem FIA-GT-Champion Ricardo Zonta als weiteren Unfallfahrer an diesem Punkt.
Die Reaktionen der Fahrer erklärten den Ruf der Stelle fast so gut wie die Bilder. Damon Hill, Formel-1-Weltmeister von 1996, sagte nach seinem Ausfall: „Ich verlor die Kontrolle über das Auto und traf die Mauer, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ Schumacher, damals bereits zweimaliger Weltmeister, räumte ein: „Es war ganz klar mein eigener Fehler.“ Dazu sagte er: „Ich scheine pro Jahr einen zu machen, und ich hoffe, das war der letzte in diesem Jahr.“ Villeneuve erklärte: „Manche Fahrer schneiden dort sehr hart ab, und dadurch kommt viel Sand auf die Strecke.“ Deshalb gelte: „Wenn du nur ein kleines bisschen zu weit rauskommst, verlierst du sehr viel Grip. Und das ist für alle gleich.“
Gerade das macht den Wall of Champions im Fahrerlager bis heute so gefürchtet. Die Mauer unterscheidet nicht zwischen Renommee und Routine, sondern bestraft jeden Fehler sofort. Später erwischte sie auch Weltmeister wie Sebastian Vettel und Jenson Button. Lewis Hamilton und Max Verstappen werden in den Zusammenfassungen ebenfalls als Champions genannt, die dort Kontakt hatten.
Fernando Alonso wird dabei als Ausnahme hervorgehoben. Seit seinem ersten WM-Titel 2005 sei er der einzige Weltmeister geblieben, der den eigentlichen Wall of Champions unversehrt überstanden hat, obwohl auch er in Montreal schon nah dran war. Genau deshalb bleibt diese letzte Schikane mehr als nur ein berühmter Streckenabschnitt: Sie ist bis heute eine Stelle, an der selbst Weltmeister keinen Bonus haben.
© Spencer