Beim Kanada-Grand-Prix in Montreal treffen die seit Miami geänderten FIA-Energieregeln auf ein Streckenprofil, das das Energiemanagement zum zentralen Faktor macht: Der erste Teil der Runde verlangt nur wenig elektrische Last, die langen Geraden in der zweiten Hälfte aber maximale Hybridleistung.
Genau dieser ungleiche Verlauf macht Circuit Gilles-Villeneuve in diesem Jahr besonders heikel. Wie Adrián Sicilia berichtet, können die Hybrid-Systeme im ersten Sektor mit den langsamen, verbundenen Kurven eher durchatmen, bevor im späteren Streckenteil der Bedarf stark ansteigt. Für die Teams geht es damit vor allem darum, die elektrische Energie so über die Runde zu verteilen, dass sie am Ende der langen Geraden nicht ins sogenannte Clipping geraten, also Leistung verlieren, weil die Batterie nicht mehr genug abgeben kann.
Verschärft wird die Aufgabe durch die jüngsten FIA-Anpassungen im Qualifying. Der Referenzwert für die Recharge-Limits wurde kurz vor Miami von 8 MJ auf 7 MJ pro Runde gesenkt, wobei die Obergrenze weiterhin streckenspezifisch angepasst werden kann. Je nach Rekuperationspotenzial kann sie zwischen 5 und 9 MJ liegen. Für Kanada nennt der Bericht aktuell einen prognostizierten Wert von 6 MJ, was den Spielraum in Montreal zusätzlich verkleinern würde.
Rund um diese Änderung hatte es im Fahrerlager zunächst Verwirrung gegeben. Offiziell war von einer Reduktion auf 7 MJ die Rede, obwohl vor dem Miami-Wochenende veröffentlichte FIA-Dokumente 8 MJ nannten. Der Widerspruch löste sich dadurch auf, dass Miami intern zunächst mit 9 MJ angesetzt war. Der Schritt auf 8 MJ war also tatsächlich bereits eine Senkung um 1 MJ und Teil der neuen Linie, die Limits weiterhin an die jeweilige Strecke anzupassen.
Wie stark das Thema inzwischen in die Rundenzeit eingreift, beschrieb Racing-Bulls-Fahrer Liam Lawson im Gespräch mit Medien, darunter RacingNews365, deutlich: „Es steckt so viel Rundenzeit darin, das Energiemanagement auf jeder Strecke richtig hinzubekommen.“ Lawson hofft zwar, dass dieser Einfluss im Saisonverlauf kleiner wird und die Fahrer „durchgehend voll pushen“ können, sagte aber auch, dass das Thema derzeit „ein sehr großer Teil unseres Fokus“ sei.
Das ist in Montreal besonders relevant, weil die Strecke fahrerisch kaum Reserven lässt. Wenn die Energiefreigabe im Qualifying enger gefasst ist, müssen die Ingenieure jedes Kilowatt präziser platzieren. Auf einer Runde, die in der zweiten Hälfte stark von voller elektrischer Unterstützung lebt, kann schon eine kleine Fehlverteilung entscheidende Tausendstel kosten.
Gleichzeitig könnte genau dieses kleinere Energiefenster den Fahrstil auch direkter machen. Sicilia erwartet, dass die Verteilung in Montreal einfacher und unmittelbarer wird, sodass die Fahrer im Qualifying weniger restriktiv unterwegs sein müssen. Das würde zu dem passen, was die Strecke ohnehin verlangt: aggressiv über die Kerbs, nah an die Mauern und mit dem Auto am Limit. In Montreal könnte das neue Energieregime deshalb beides zugleich liefern: mehr Vollgas-Charakter und einen noch schmaleren Grat zwischen perfekter Runde und teurem Fehler.
© Jonathan Borba