Mercedes hat im Qualifying in Silverstone einen legalen Kniff genutzt, bei dem George Russell und Kimi Antonelli wenige Meter vor der Ziellinie komplett vom Gas gingen, um die volle elektrische Leistung von 350 kW länger halten und den normalen Leistungsabbau umgehen zu können.
Was zunächst so aussah, als würde Mercedes am Ende der Runde Zeit liegen lassen, brachte laut den Analysen einen Vorteil von rund 0,05 Sekunden. Der Hintergrund liegt in den Energievorgaben für 2024: Auf schnellen Strecken wie Silverstone darf die Batterieleistung auf der Geraden nicht abrupt von 350 kW auf null fallen, sondern muss schrittweise reduziert werden, mit maximal 50 kW pro Sekunde. Erreicht ein Auto die Zeitlinie nicht, bevor dieser Ramp-down beginnen muss, verliert es früher Leistung.
Mercedes fand dafür eine andere, von der FIA als legal akzeptierte Lösung. Wenn der Fahrer komplett vom Gas geht, darf die MGU-K-Leistung sofort wegfallen, statt dem normalen schrittweisen Abbau zu folgen. Genau darauf baute das System in Silverstone auf: Die Antriebseinheit wurde so programmiert, dass sie die maximale Leistung möglichst lange hält, bevor der Fahrer an einem exakt definierten Punkt lupft.
Entscheidend war dabei, dass der Lift erfolgte, bevor die Batterie auf 0 Prozent fiel. Wäre die Energie vollständig aufgebraucht gewesen und die MGU-K deshalb schlagartig ausgegangen, hätte das gegen die technischen Regeln verstoßen. Um dieses Risiko zu kontrollieren, arbeitete Mercedes mit Simulatorvorbereitung und einem Signalton im Ohr, der Russell und Antonelli den richtigen Moment zum Lupfen vorgab.
Antonelli machte nach dem Qualifying deutlich, wie heikel die Ausführung war. Gegenüber Journalisten sagte der Mercedes-Fahrer: „Es war nicht einfach.“ Er ergänzte, dass man „mit diesen Powerunits ... immer etwas kompliziert“ unterwegs sei, „weil man manchmal auf eine Weise fahren muss, die sich nicht ganz natürlich anfühlt“.
Der Trick war auch deshalb bemerkenswert, weil eine ähnliche Methode früher in der Saison schon verschwunden war. Mercedes und Red Bull hatten zunächst einen vergleichbaren Effekt erzielt, indem sie die MGU-K über eine Notfallregel abschalteten. Nach Vorfällen rund um den Japan-Grand-Prix, bei denen Autos langsam unterwegs waren oder sogar stehen blieben, untersagte die FIA diese Nutzung für Qualifying-Zwecke und erlaubte sie nur noch in echten Notfällen.
Im Fahrerlager wurde erst nach dem Sprint-Qualifying klar, was Mercedes da tatsächlich tat. Rivalen kamen dem Vorgehen nach der Auswertung der Telemetrie auf die Spur. McLaren-Teamchef Andrea Stella sagte nach dem Qualifying am Samstag: „Als wir es gestern im Sprint-Qualifying zum ersten Mal gesehen haben, als Antonelli das gemacht hat, hat es uns etwas überrascht, weil wir so etwas nicht diskutiert hatten.“
Gerade weil der Gewinn messbar ist und die FIA die Lösung akzeptiert, dürfte Silverstone nicht das letzte Mal gewesen sein, dass dieser Ansatz eine Rolle spielt. Andere Teams werden nun prüfen, ob sie den Kniff auf passenden Strecken wie dem Hungaroring übernehmen können, auch wenn der Preis für einen Fehler hoch bleibt: Ein zu später Lift mit leerer Batterie würde voraussichtlich zur Disqualifikation im Qualifying und damit zu einem Start vom Ende des Feldes führen.
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