© Chris Game

Mercedes nutzt F1-Reset 2026 und setzt den Maßstab

Anzeige

Der größte Formel-1-Regelumbruch seit mehr als einem Jahrzehnt hat 2026 die Kräfteverhältnisse verschoben: Mercedes führt nach 11 Rennen mit Kimi Antonelli und 219 Punkten die Fahrerwertung an, dazu mit 379 Zählern auch die Konstrukteurs-WM, während die neue Technik die Rennwochenenden deutlich offener gemacht hat.

Der Kern der Verschiebung liegt in einem doppelten Neustart. 2026 bringt die erste neue Motorenformel seit 2014 und zugleich den ersten großen Einschnitt bei Aerodynamik und Chassis seit 2022. Die neuen Power Units setzen auf einen deutlich höheren elektrischen Anteil, nachhaltige Kraftstoffe und eine neue Architektur. Dazu kommen kompaktere Autos mit aktiver Aerodynamik, deren Verhalten auf Geraden und in Kurven unterschiedlich gesteuert wird.

Gerade diese Kombination hat die Hierarchie neu sortiert. Teams, die Motor und Chassis unter einem Dach entwickeln, haben einen frühen Vorteil, weil sie das Gesamtpaket enger aufeinander abstimmen können. Mercedes baut seine Power Unit selbst und hat das Auto darum herum entwickelt. Kundenteams müssen dagegen einen Fremdmotor in ein Chassis integrieren, das gleichzeitig die neuen Aero-Vorgaben erfüllen soll. Dieser zusätzliche Kompromiss zeigt sich laut den vorliegenden Informationen in den Rundenzeiten.

Der vielleicht wichtigste sportliche Effekt ist, dass Samstagsleistung nicht mehr automatisch Sonntagsstärke bedeutet. Da 2026 fast die Hälfte der Leistung aus dem elektrischen Anteil kommt, sind Energieeinsatz und Energierückgewinnung zum zentralen Leistungsfaktor geworden. Über eine volle Renndistanz oder längere Stints trennt sich dadurch reine Qualifying-Pace stärker vom tatsächlichen Rennrhythmus. Eine Poleposition ist damit weit weniger als früher eine direkte Vorstufe zum Sieg.

Die aktive Aerodynamik verschärft diesen Effekt noch. Weil die Teams unterschiedliche Modi für Geraden und Kurven beherrschen müssen und jeder Rennstall diesen Lernprozess in eigenem Tempo durchläuft, ist das Leistungsbild an einem Wochenende schwerer zu lesen als in der vorherigen Ära.

Aus Sicht der FIA ist der Chassis-Teil des neuen Reglements dennoch ein Fortschritt. FIA-Einsitzer-Direktor Nikolas Tombazis sagte gegenüber ausgewählten Medien, darunter Autosport: „Ich denke wahrscheinlich ja, obwohl man nie annehmen sollte, dass die Arbeit erledigt ist. Aber ich denke, die Autos können einander enger folgen.“ Er verwies zugleich darauf, dass die Fahrzeuge fahrerisch anspruchsvoll geblieben seien: „Sie sind für die Fahrer immer noch ziemlich schwierig zu fahren, was ich gut finde, denn es sollen nicht einfach Autos sein, die jeder fahren kann.“

Dass sich der Reset nicht nur an Mercedes zeigt, sondern am gesamten Feld, macht der Aufstieg von Ferrari deutlich. Das Team liegt mit 307 Punkten auf Rang zwei der Konstrukteurswertung, nachdem es im Vorjahr noch Vierter war. Lewis Hamilton hat sich in seiner ersten Saison für Ferrari nach schwieriger Anfangsphase im neuen 2026er-Auto auf Platz zwei der Fahrerwertung vorgearbeitet und hält bei 169 Punkten. Im Verlauf der Saison zog er rund um den Belgien-Grand-Prix an George Russell vorbei.

Ferraris Fortschritt mit Hamilton, Charles Leclerc und einem stärker werdenden SF-26 zeigt zugleich, dass die neue Ordnung noch nicht festgeschrieben ist. Mercedes hat den frühen Maßstab gesetzt, aber bei noch 11 Grands Prix und zwei Sprint-Rennen sind insgesamt 291 Punkte zu vergeben. In einer Saison, in der Energienutzung, Integration und Anpassungsgeschwindigkeit mehr zählen als reine Ein-Runden-Pace, bleibt der Titelkampf offen.

Anzeige