Jaguar verkündete am 1. Juni 2001 um 8.30 Uhr per Pressemitteilung die Verpflichtung von Adrian Newey von McLaren, doch der spektakuläre Coup zerfiel binnen Tagen: McLaren bestritt noch am selben Nachmittag den Abgang mit einer Vertragsverlängerung bis August 2005, und Newey erklärte am 10. Juni, er habe seine Zusage für Jaguar bereits kurz nach der Einigung wieder zurückgezogen.
Damit kippte die Geschichte vom großen Transfererfolg zu einem offenen Vertragsstreit. In der Jaguar-Mitteilung hatte Bobby Rahal, Jaguar-Racing-CEO, Neweys Ankunft als Signal für den eigenen Titelanspruch verkauft. Er nannte ihn einen alten Freund aus gemeinsamen IndyCar-Tagen und verwies darauf, dass von Newey geführte Konstruktionsteams in den vorangegangenen neun Jahren sechs Formel-1-Autos für Fahrer- und Konstrukteurstitel entwickelt hätten, bei einer durchschnittlichen Siegquote von 50 Prozent. Niki Lauda, CEO von Fords Premier Performance Division, sprach von „großartigen Neuigkeiten“ und einem Beleg dafür, wie ernst Jaguar seine Ambitionen in der Formel 1 nehme.
Auch Newey selbst wurde in dieser ersten Mitteilung mit klaren Wechselabsichten zitiert. „Das war keine leichte Entscheidung für mich“, hieß es dort. Er habe seine vier Jahre bei McLaren sehr genossen, doch die Aussicht, wieder mit seinem engen Freund Bobby zu arbeiten, und „die spannende Herausforderung“, die Jaguar biete, seien unwiderstehlich gewesen. Zugleich versprach er, bis zum Ende seines damaligen Vertrags voll für McLaren zu arbeiten.
Genau diese Version stellte Newey wenig später selbst infrage. In einer McLaren-Teammitteilung vom 10. Juni, dem Renntag in Kanada, sagte der damalige McLaren-Technikchef: „Kurz nachdem ich zugestimmt hatte, zu Jaguar zu wechseln, wurde mir klar, dass ein Teamwechsel nicht der richtige Weg für mich ist.“ Er fügte hinzu, mit Jaguar sei vereinbart gewesen, dass „vor Freitagmorgen um 8.30 Uhr nichts veröffentlicht wird“. Als er Jaguar über seinen Sinneswandel informiert habe, habe man zugestimmt, die Pressemitteilung zurückzuhalten. „Zu diesem Zeitpunkt waren nur wenige Menschen betroffen. Trotzdem scheint es, dass sie sich entschieden haben, die Mitteilung zu veröffentlichen“, sagte Newey.
McLaren konterte schon am Nachmittag des 1. Juni mit einer eigenen Erklärung, wonach Newey das Team nicht verlassen werde und bereits bis August 2005 verlängert habe. Danach beharrten beide Seiten darauf, Neweys Dienste gesichert zu haben, und der Fall mündete in eine Reihe von einstweiligen Verfügungen und Gegenverfügungen. Rahal blieb öffentlich hart. „Es ist ein Vertrag, so einfach ist das“, sagte er und warf McLaren vor, die Lage so darstellen zu wollen, als zähle ein Dokument mehr als das andere.
Der Streit entstand nicht aus dem Nichts. Nach Neweys späterer Darstellung war sein Verhältnis zu Ron Dennis bei McLaren bereits belastet. In seiner Autobiografie „How To Build A Car“ schilderte Newey ein Gespräch im August 2000 am Pool von Dennis’ Haus in Südfrankreich. Dennis habe dort eine spätere Übergabe der Führung an Newey und McLaren-COO Martin Whitmarsh in Aussicht gestellt, diese aber von deren „commitment“ abhängig gemacht, ohne einen Zeitplan zu nennen. Newey schrieb dazu: „A chill wind blew across the pool that afternoon“ und warf Dennis vor, von seinen Mitarbeitern „unquestioning, undying loyalty“ zu erwarten. Als er dazu nicht bereit gewesen sei, sei die Beziehung „never the same again“ geworden.
In dieser Lage gewann Jaguars Angebot an Gewicht. Newey zufolge lehnte er zunächst ein neues McLaren-Angebot ab, das einer Gehaltskürzung gleichkam. Rahal bot ihm daraufhin das Zweieinhalbfache seines McLaren-Gehalts, später mit 3,5 Millionen Pfund pro Jahr beziffert. Newey schüttelte Rahal die Hand, unterschrieb eine Absichtserklärung und informierte Dennis über seinen Abschied.
Dass er am Ende trotzdem blieb, lag nicht nur am juristischen Tauziehen. Laut dem Artikel glich Dennis Jaguars finanzielle Konditionen aus und räumte Newey vertraglich die Möglichkeit ein, sich später teilweise aus der Formel 1 zurückzuziehen und sich dem America’s Cup zu widmen. Gleichzeitig wuchs bei Newey die Sorge vor den internen Machtverhältnissen bei Jaguar. Er schrieb später, er habe sich vor allem wegen seiner Beziehung zu Rahal für Jaguar interessiert, weil das Verhältnis zwischen Teamchef und Technikdirektor entscheidend sei. Er habe nicht wechseln wollen, nur um „zu einer Spielfigur in einem von Ford unterstützten Machtkampf innerhalb des Teams“ zu werden. Das sei „ein großes Karriererisiko“ gewesen.
So blieb Newey zwar bis 2005 bei McLaren, aber die Affäre veränderte seine Lage dauerhaft. Jaguar verlor den öffentlich gefeierten Prestigezugang, noch bevor er Wirklichkeit werden konnte. McLaren hielt seinen wichtigsten Techniker, nachdem der Bruch bereits offengelegt war. Für beide Teams wurde der Fall zum Beleg, dass der Kampf um Newey weit mehr war als ein normaler Personalwechsel: Er entschied darüber, wer die technische Zukunft kontrollierte.
© Jonathan Borba