Nigel Mansell hat die Formel-1-Regeln für 2026 scharf kritisiert und erklärt, dass softwaregesteuerte Energierückgewinnung einige Überholmanöver „komplett fake“ wirken lasse und die Fahrer in eine gefährliche Lage bringe.
Der Weltmeister von 1992 sagte im Gespräch mit Autosport, manche Positionswechsel entstünden nicht mehr aus einer klaren Fahrerentscheidung, sondern aus der Art, wie das System Leistung freigibt. „Einige Überholmanöver sind komplett fake“, sagte Mansell. Es gebe zwar Manöver, die zunächst stark aussähen, doch schon aus der nächsten Kurve heraus schieße das andere Auto wieder vorbei, weil „der Computer zusätzliche Power zum falschen Zeitpunkt“ liefere. Der Fahrer kontrolliere das nicht wirklich, betonte er, und würde die Energie an dieser Stelle selbst oft nicht einsetzen.
Als Beispiel verwies er auf eine Szene, die er Lando Norris zuschrieb. Mansell erinnerte an eine Aussage des Weltmeisters, wonach Norris einen Gegner in einer schnellen Passage vor der Schikane gar nicht habe überholen wollen, „aber es gab keine Option“. Danach gehe ein Auto zunächst in Führung, nur damit der andere Wagen auf der folgenden Geraden sofort wieder zurückschlage. Für Mansell ist das nicht nur ein sportliches Problem, sondern auch eines der Wahrnehmung. Viele Fans seien darüber „ziemlich unzufrieden“, sagte er, und fügte hinzu: „Ich stimme ihnen zu.“
Damit widersprach Mansell direkt Stefano Domenicali. Der Formel-1-Präsident und CEO hatte zuvor ebenfalls bei Autosport die Kritik an den Überholmanövern zurückgewiesen und erklärt, ein Überholmanöver sei ein Überholmanöver. Zugleich sagte Domenicali, viele Beobachter hätten „a short memory“, weil es in der Turbo-Ära der 1980er Jahre mit Lift-and-Coast und Spritsparen ebenfalls vergleichbare Elemente gegeben habe.
Mansell wies diesen Vergleich entschieden zurück. Lift-and-Coast in seiner Zeit sei ein behutsames Lupfen des Gaspedals im Windschatten gewesen, wenn man sich gegen ein Überholmanöver entschieden habe. „Das ist Spritsparen, das ist dosiertes Fahren. Das ist clever“, sagte er. Das heutige System sei etwas völlig anderes, weil „der Computer im Grunde das Auto übernimmt und für die Batterie rekuperiert“. Besonders deutlich wurde er beim Tempoverlust: In seiner Ära habe niemand vor den schnellsten Kurven 50 bis 70 km/h verloren. Der Vergleich mit den 1980ern sei deshalb „ein bisschen weit hergeholt“.
Am schärfsten formulierte Mansell seine Kritik beim Thema Sicherheit. Er verwies auf den Vorfall beim Großen Preis von Japan 2026, als Oliver Bearman mit hoher Geschwindigkeitsdifferenz auf Franco Colapintos langsamen Alpine auflief, eine Kollision vermied und anschließend schwer verunglückte. Bearman blieb unverletzt, doch für Mansell war das vor allem ein Warnsignal für die neue Regelausrichtung. „Ich habe großes Mitgefühl mit den Fahrern. Ich glaube, im Moment ist das extrem gefährlich“, sagte er. In Japan sei man bereits „mit einem schrecklichen Unfall davongekommen“, und Bearman hätte „wirklich schwer verletzt werden“ können.
Die Aussagen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Formel 1 vor dem Grand Prix von Miami bereits Anpassungen beschlossen hat. Sie sollen extremes Lift-and-Coast im Qualifying eindämmen, mehr Vollgasfahren ermöglichen und Sicherheitsprobleme unter anderem am Start und bei Nässe entschärfen. Am Grundkonflikt ändert das jedoch wenig: Energierückgewinnung und softwarebasierte Leistungsverteilung bleiben Kernbestandteile des 2026er Reglements, und genau dort setzt Mansells Kritik an.
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