Niels Wittich hat Michael Masi für Abu Dhabi 2021 öffentlich verteidigt und der FIA im gleichen Atemzug schwere Vorwürfe gemacht. Im Interview mit Formel1.de sagte der frühere Formel-1-Rennleiter, Masi habe beim WM-Finale in Yas Marina „nicht so viel falsch gemacht“ und sich innerhalb seines damaligen Ermessensspielraums bewegt. Noch schärfer fiel Wittichs Urteil über den Umgang der FIA mit Masis Fall aus: Sie habe ihn nach der Untersuchung faktisch zum „Sündenbock“ gemacht.
Wittich, der von 2022 bis 2024 selbst als Rennleiter in der Formel 1 arbeitete, sagte im Interview mit Formel1.de, dem Schwester-YouTube-Kanal von Autosport: „Aus meiner Sicht hat Michael nicht so viel falsch gemacht.“ Er ergänzte dort: „Das Reglement hat nicht alles strikt definiert“ und: „Was er getan hat, lag innerhalb seiner Befugnisse. Er hatte einen gewissen Ermessensspielraum dabei, wie das Safety-Car eingesetzt wird.“
Der Hintergrund ist eines der umstrittensten Finals der Formel-1-Geschichte. Max Verstappen und Lewis Hamilton waren punktgleich in den Grand Prix von Abu Dhabi gegangen. In Yas Marina führte Hamilton bei noch sechs verbleibenden Runden mit mehr als elf Sekunden vor Verstappen, als Nicholas Latifi im Williams nach einem Duell mit Mick Schumacher im Haas abflog und das Safety-Car herauskam. Mercedes ließ Hamilton draußen, weil das Team laut dem Bericht befürchtete, dass eine rote Flagge freie Reifenwechsel ermöglicht hätte oder das Rennen hinter dem Safety-Car enden könnte. Verstappen holte sich dagegen neue Soft-Reifen und blieb Zweiter.
Auf Runde 57 von 58 ließ Masi dann nur die fünf überrundeten Autos zwischen Hamilton und Verstappen vorbeifahren und beorderte das Safety-Car noch vor der letzten Runde herein. Verstappen überholte Hamilton, der auf gebrauchten harten Reifen unterwegs war, und holte seinen ersten WM-Titel.
Wittich verteidigte genau diese Abfolge mit dem Verweis auf die damalige Linie der Beteiligten. Er sagte im Interview mit Formel1.de: „Teams, FIA und Formel 1 hatten sich in vielen Sitzungen darauf geeinigt, dass Rennen nach Möglichkeit unter grüner Flagge enden sollten.“ Auch sagte er dort: „Niemand wollte ein Rennen hinter dem Safety-Car beenden.“ Eine rote Flagge sei in Abu Dhabi aus seiner Sicht „nicht wirklich eine Option“ gewesen, weil sie „bestimmte Voraussetzungen wie Gefahr für Personal oder eine blockierte Strecke“ brauche. „Das war nicht der Fall“, sagte Wittich im Interview mit Formel1.de.
Auch bei der Freigabe der Überrundeten stellte sich Wittich hinter Masi. Er sagte im Interview mit Formel1.de, Masi habe „zunächst gesagt, dass sie sich nicht zurückrunden dürfen, dann hat er es erlaubt, aber das übliche Verfahren geändert, indem er nicht eine zusätzliche Runde gewartet hat“. Laut Wittich sei auch das „innerhalb seiner Befugnisse nach dem damaligen Reglement“ gewesen.
Der Bericht verweist zugleich auf Artikel 48.12 des Sportlichen Reglements. Demnach kommt das Safety-Car normalerweise erst am Ende der folgenden Runde herein, nachdem das letzte überrundete Auto den Führenden passiert hat. Nach Darstellung des Berichts wäre in diesem Fall die Weltmeisterschaft an Hamilton gegangen.
Noch härter wurde Wittich beim Blick auf die Folgen. Er sagte im Interview mit Formel1.de: „Nach der Untersuchung nach Abu Dhabi schien die Schlussfolgerung zu sein, dass Michael gehen musste, im Grunde suchte man einen Sündenbock.“ Weiter sagte er dort: „Was wirklich enttäuschend war, für mich und viele Kollegen, war der mangelnde Rückhalt der FIA für Michael.“ Mit Blick auf seine eigene Zeit in der Rolle ergänzte Wittich im Interview mit Formel1.de: „Das ist einer der Gründe, warum ich kein Rennleiter in der Formel 1 mehr bin.“