Isack Hadjars desaströses Miami-Wochenende hat bei Red Bull sofort die nächste Debatte ausgelöst: Karun Chandhok sieht im frühen Unfall und im erneut deutlich gewachsenen Rückstand auf Max Verstappen ein Warnsignal für eine mögliche Abwärtsspirale, während Teamchef Laurent Mekies betont, der Rennstall sei „nicht besorgt“.
Der frühere Formel-1-Fahrer und heutige Sky-F1-Experte Chandhok machte vor allem der Verlauf des Wochenendes Sorgen. In Suzuka seien Hadjar und Verstappen noch eng beieinander gewesen, sagte er bei Sky F1. Gerade deshalb sei auffällig, dass der Abstand in Miami nach den technischen Fortschritten am Red Bull wieder auf „acht oder neun Zehntel“ angewachsen sei. Verstappen habe diese Lücke sowohl im Sprint-Qualifying als auch im Qualifying für den Grand Prix aufgerissen, obwohl das Auto inzwischen wieder weiter vorn um erste Startreihen und Polepositions kämpfen könne.
Für Chandhok ist genau das der kritische Punkt. Sobald sich das Leistungsfenster des Autos nach vorn verschoben habe, sei auch die große Differenz zu Verstappen zurückgekehrt. Das erinnere ihn an ein Muster, das Red Bull bei mehreren früheren Teamkollegen des Weltmeisters schon erlebt habe.
Hadjars Wochenende wurde dann auch praktisch von beiden Seiten beschädigt. Nach Rang neun im Qualifying wurde er wegen eines technischen Verstoßes ans Ende geschickt und musste aus der Boxengasse starten. Laurent Mekies, Teamchef von Red Bull, erklärte Medien, darunter Crash.net, das beanstandete Pflichtteil am Auto sei „zwei Millimeter zu breit“ gewesen. Der Fehler hätte bei den Routinechecks auffallen müssen, sei aber zu spät entdeckt worden.
Im Rennen schien Hadjar den Schaden zunächst zu begrenzen. Er arbeitete sich früh bis auf Platz 15 nach vorn, ehe sein Grand Prix schon in Runde fünf beziehungsweise sechs endete. Der Franzose traf in der Schikane die Innenmauer, beschädigte dabei laut Chandhok die Lenksäule und schlug anschließend in der Außenmauer ein. Gegenüber Sky Sports F1 übernahm Hadjar die Verantwortung selbst. Er sei bei seinen Überholmanövern „zu eifrig und zu aufgeregt“ gewesen und habe sich damit das Rennen selbst ruiniert. Danach sei er „wirklich, wirklich sauer“ gewesen.
Noch schwerer wog für Chandhok, dass der Crash genau in dem Moment kam, in dem Hadjar vor allem Runden gebraucht hätte. Nach einem Wochenende, an dem er erstmals auch seine generelle Pace als Problem erlebt habe, wäre Fahrpraxis wichtiger gewesen als alles andere. „Ich hoffe, dass das nicht der Beginn einer Spirale für ihn ist, wie wir sie bei den letzten fünf oder sechs Teamkollegen gesehen haben“, sagte Chandhok. Gerade der wieder aufgetauchte Rückstand von acht bis neun Zehnteln mache diese Sorge so brisant.
Mekies widersprach dieser Lesart deutlich. Er sehe keinen Grund, die Situation als ernsthafte Sorge einzuordnen, sagte er. Red Bull habe selbst zu dem schwierigen Wochenende beigetragen, und Hadjar habe dadurch nie in den richtigen Rhythmus gefunden. Der Franzose wäre im Rennen aus seiner Sicht trotzdem stark gewesen, soweit man das vor dem Aus habe sehen können. Deshalb sei das Team „nicht besorgt“ und sehe trotz des chaotischen Miami-Auftritts „alle Anzeichen“ dafür, in Montreal wieder mit der richtigen Geschwindigkeit da zu sein.
Genau darin liegt nun der sportliche Kern der Geschichte: Miami war für Hadjar nicht nur ein schlechtes Wochenende, sondern der erste Moment, in dem sich Teamfehler, eigener Crash und ein großer Rückstand auf Verstappen zu einem vertrauten Red-Bull-Muster verdichtet haben. Montreal wird damit schnell zu einem entscheidenden Test dafür, ob Miami ein Ausrutscher war oder der Beginn des Problems, vor dem Chandhok bereits warnt.
© Jonathan Borba